Interview

Suchtpotenzial: „Wir rechnen damit, Leute aufzuregen“

| Lesedauer: 10 Minuten
Suchtpotenzial: Ariane Müller (links) und Julia Gámez Martin.

Suchtpotenzial: Ariane Müller (links) und Julia Gámez Martin.

Foto: Torsten Golz / JFK Konzertbüro

Essen.  Das Musik-Komik-Duo Suchtpotenzial darf wieder touren. Ein Interview über schwarzen Humor und kuriose Treffen mit ehemaligen Bundespräsidenten.

Mit Hammondorgel, Akustikgitarre und großer Klappe machte sich das Duo Suchtpotenzial einen Namen. 2011 lernten sich die Ulmerin Ariane Müller (41) und die Berlinerin Julia Gámez Martin (35) kennen und arbeiteten zunächst gemeinsam an Musicalproduktionen. Seit 2013 unterhalten die beiden ihr Publikum allerdings auf deutlich direktere Art und Weise. Über das aktuelle Live-Programm „Sexuelle Belustigung“, katastrophale Live-Erlebnisse in den frühen Jahren und ein Treffen mit einem früheren Bundespräsident sprach Patrick Friedland mit Ariane Müller.

Ihr wohl bekanntester Song „F***** für den Frieden“ ist leider aktueller denn je – passen Sie den Text live nun an?

Ariane Müller: Nee. Wir spielen es genauso wie es ist. Die zentrale Aussage „Make Love Not War“ ist ja eh schon immer da gewesen. Die Anti-Putin-Zeile im Übergang von Strophe zu Refrain erhält aktuell aber besondere Reaktionen.

Wie belustigen Sie denn in diesen schwierigen Zeiten Ihr Publikum?

Wir sprechen die aktuellen Konflikte schon an, widmen uns aber mit Humor und Musik auch vielen anderen Themen. Das ist für uns ok, mal zu sagen: Wir brauchen eine Auszeit, in der wir uns gemeinsam amüsieren können. Wer das gerade nicht kann – was vollkommen ok ist --, der soll eben nicht kommen.

Zuletzt gab es laufend Absagen und Verschiebungen. Nun musste kürzlich noch ein Auftritt in Buchholz kurzfristig abgesagt werden, weil Sie mit dem Zug feststeckten. Wie hoch ist das Frustrationslevel?

Ja, da kam der Orkan und ich bin in Frankfurt hängengeblieben. Nach zwei Jahren hat das ja irgendwo auch schon wieder einen humoristischen Wert. Man fragt sich, was denn noch alles kommt und wundert sich über nichts mehr. Im Sommer hat uns das Hochwasser an einem Tourort die Bühne weggeschwemmt, die Hürden für die Kultur werden immer ungewöhnlicher.

Kamen Sie in den vergangenen zwei Jahren auf den Gedanken, andere Jobs anzunehmen, die „einkommenssicher“ sind?

Nein, weil wir nichts anderes können (lacht). Wir haben keinen Ausbildungsberuf, auf den wir zurückgreifen können. Wir haben versucht, andere Wege zu finden, und zu präsentieren. Online zu streamen, Podcasts aufzunehmen. Unser ganzes Leben lang sind wir Künstlerinnen, das gibt man nicht so einfach auf.

Statt auftreten zu dürfen, produzierten Sie 2021 die auf YouTube weiterhin verfügbare Sitcom „Toni Tortellini“ – wie war es?

Die sollte eigentlich live vor Publikum stattfinden, wurde dann immer weniger live und am Ende haben wir sie komplett im Studio gedreht. Wir Spaßvögel standen im leeren Theater und fragten uns, was wir tun können. Letztlich wurde es ein Riesenspaß. Die eine Woche im Theater war für uns alle psychisch total erhellend. Und Menschen brauchen ja gerade auch in schweren Zeiten Unterhaltung, die wird nicht weniger wichtig, nur weil die Theater leer sind. Wir erhielten vor allem Zuschriften von Berufstätigen im Gesundheitswesen, dass wir denen richtig gut getan hätten.

„Wir hätten eine Abräumertour vor uns gehabt“

Kurz vor dem Pandemieausbruch erhielten Sie den Deutschen Kleinkunstpreis. Hat sich seither die Wahrnehmung von Suchtpotenzial verändert, gibt es mehr Aufträge?

Das Fiese ist: Der brachte uns Anfang März 2020 noch in die „heute-Show“, wir hätten eine echte Abräumer-Tourrunde vor uns gehabt. Seitdem dümpeln wir so ein wenig rum und hoffen, dass wir, wenn sich für die Kultur irgendwann alles normalisiert, die Preise – den Bayerischen Kabarettpreis haben wir ja letztes Jahr gewonnen – endlich mal ausgiebig feiern zu können.

Zu Suchtpotenzial: Ist die derbere, direkte Sprache von Suchtpotenzial Ihr Erfolgsgeheimnis? Provozieren Sie damit nicht auch Shitstorms?

Wir sind sehr Shitstorm-erprobt und halten das aus (lacht). Wenn jemand Witze aus dem Kontext schneidet oder die Ironie nicht findet, können wir mit unseren Sprüchen kräftig auf die Fresse kriegen. Das ist uns auch schon passiert. Aber wir sind da robust. Wer wie wir mit heftigen Worten rausgeht, muss damit rechnen, dass er Leute aufregt. Manchmal macht es aber auch Spaß, Leute aufzuregen, wenn es die richtigen sind. Man liest zwar nicht gerne irgendwelche komische Morddrohungen auf YouTube, aber wie ernst sind die schon zu nehmen? Es gibt Geschmacksgrenzen – wir reden da oft drüber --, aber wir finden unsere Show so ok wie sie ist.

Wie oft werden Sie zensiert, zum Beispiel vor TV-Auftritten?

Es gibt einige Sachen, die wir im TV nicht spielen dürfen. Im Öffentlich-Rechtlichen darf „F***** für den Frieden“ wegen expliziter Sprache gar nicht vor 22 Uhr laufen, da gibt’s Jugendschutz. Bei Spotify sind wir auch mit einigen Songs als „explizit“ markiert, weil wir bestimmte Wörter benutzen. Wir machen eben keine Musik für Kinder. Suchtpotenzial ist ironisches, satirisches, musikalisches Kabarett für Erwachsene, die unsere Themen verstehen.

Gibt es Tabuthemen?

Wir würden keine wehrlosen Menschen verarschen. Aber bei Themen gibt es keine Grenzen. Ob Religion, Politik, Kleidung, wir sprechen und singen über alles auf unsere Art.

Wie setzt sich Ihr Publikum zusammen?

Ganz gemischt. Im Süden oder in der Schweiz haben wir oft älteres Publikum, weil wir da meist in traditionellen Kabaretthäusern spielen. Aber kürzlich waren wir in Leipzig, da waren fast nur junge Leute. Es liegt oft an der Location. Viele sind zwischen 30 und 50, wir hatten aber auch schon 80plus-Gäste, die es geil fanden.

Kommt es immer noch vor, dass Besucher von dem Programm geschockt sind?

Schon. Wer uns uninformiert sieht, diese mitgeschleppten Freunde zum Beispiel, wird vielleicht irritiert sein. Meistens kriegen wir die Leute dann am Ende. Aber es hilft, wenn Menschen sich informieren und dann kommen, Lust haben auf ein Programm, das mit schwarzem Humor voll in die Fresse geht. Allen anderen dürfen gerne in die Operette gehen. Das Abo-Publikum, was wir zu Karriereanfang hatten, haben wir heute zum Glück kaum noch.

Welche Erfahrungen machten Sie damals?

Firmenfeiern, wo uns niemand haben wollte, sind so ein Beispiel. Dann gibt es in manchen Theatern das Abo-Publikum, das dich hasst. Da weißt du nach zehn Minuten, dass der Abend für alle scheiße wird. Dann gibt es Kategorie drei: Abende, wo keine Sau kommt. Zwölf Leute vor der Bühne und du musst irgendwie Stimmung in den Laden bekommen. Das ist hart.

Legten Sie sich dann verbal mit dem Publikum an?

Naja, hin und her pöbeln macht ja schon wieder Spaß. Aber eine apathische Masse, die niemals lacht und nach einem Song bestenfalls höflich klatscht, ist schlimm. Man muss sein Publikum finden. Anfangs machten wir nebenberuflich noch Musicalsachen. Da kamen Leute in unsere Suchtpotenzial-Show, erwarteten zwei hübsche junge Frauen in Kleidchen und ein Best-of-Musical-Programm – und dann spielten wir unsere eigenen Songs (lacht). Rückblickend betrachtet sehr lustig, damals eher ein realer Horrorfilm.

„Wir mussten vier Stunden auf den Bundespräsidenten warten“

Kommt irgendwann ein Buch mit allen Horror-Geschichten?

Wir arbeiten im Hintergrund dran. Zurzeit haben wir einen Podcast, in dem wir unsere schlimmsten Erlebnisse verarbeiten, über den sich die Leute sehr amüsieren. Wenn wir bei Bundespressebällen eingeladen werden und gesagt bekommen, dass wir spielen müssen, bis der Bundespräsident kommt und dann vergehen vier Stunden, wir können nicht mehr und der kommt nicht …

Was war da los?

Zur Amtszeit von Joachim Gauck hieß es bei einem Bundespresseball in Berlin: „Der wird jetzt hier gleich vorbeilaufen und ihr müsst währenddessen spielen, das ist wichtig für die Planung.“ Nach vier Stunden saß er dann endlich vor uns, wir spielten drei eigene Songs, die ihm gefielen. Und dann waren wir an dem Abend noch alle gemeinsam etwas trinken und beim Gianna-Nannini-Konzert. Hat sich die Plackerei mitsamt Hornhaut und Schwielen an den Händen doch gelohnt.

Ein anderes Thema: Wie sichtbar sind Frauen heutzutage in der deutschen Kleinkunstszene?

Generell sehe ich, auch in Mix-Shows, mittlerweile deutlich mehr Frauen als früher. Wichtig, weil sich junge Künstlerinnen dann nicht so von den ganzen Männern eingeschüchtert fühlen. Es ist noch ein langer Weg zu gehen, aber ich habe das Gefühl, dass es sich bessert, vor allem in einigen Regionen. In NRW gibt es viele starke Künstlerinnen, in Berlin eine neue Stand-up-Generation. Im Süden sehe ich aber noch Schwächen, da kommt zu wenig nach.

Das Zusammenspiel aus Berlin und „dem Süden“, in dem Fall Schwaben, macht Suchtpotenzial ja irgendwie auch aus. Würden Sie so gut funktionieren, wenn nicht eine Schwäbin auf eine Berlinerin träfe?

Gute Frage. Wir decken damit einen großen Teil Deutschlands ab und haben gleich zwei Heimspiele. Kämen wir beide aus der gleichen Ecke, wären wir vielleicht regional stärker, aber nicht so breit aufgestellt, was die Zielgruppe angeht. Wären wir zwei bayerische Frauen, würden wir wohl in Bayern sehr viel Publikum ziehen, aber vermutlich in Bremen keinen interessieren.

Letzte Frage: Wäre der von Ihnen besungene Schwabiner, die Mischung aus Schwabe und Berliner, wirklich die perfekte Spezies?

Auf jeden Fall. Reich UND sexy – mehr geht nicht.

>>> INFO: Suchtpotenzial live

Termine: 17.3. Bochum (Bhf Langendreer), 24.3. Wesel (Lutherhaus), 28.4. Essen (Zeche Carl), 12.5. Mönchengladbach (TiG), 8.10. Essen (Stratmanns), 27.10. Dortmund (Fritz-Henßler-Haus), 30.11. Oberhausen (Ebertbad). Karten ab ca. 23 €.

Die Seite zum Podcast des Duos:suchtpotenzial.podigee.io

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