Tour

Rock braucht keine Stimme: Long Distance Calling im Gespräch

Long Distance Calling von links: Florian Füntmann, Janosch Rathmer, David Jordan, Jan Hoffmann.  Foto: Vollvincent

Long Distance Calling von links: Florian Füntmann, Janosch Rathmer, David Jordan, Jan Hoffmann. Foto: Vollvincent

Foto: Handout

Essen.  Long Distance Calling spielen instrumentalen, atmosphärischen Rock. Im September kommen die Münsteraner zweimal in die Region.

Gute Musik braucht keinen Gesang. Oder? Long Distance Calling verzichten seit ihrer Gründung 2006 fast gänzlich auf Stimmen und gängige Songstrukturen. Nun wurden die Post-Rocker für den Deutschen Musikautorenpreis der GEMA in der Kategorie „Komposition Metal“ nominiert, nebst den Essenern Thrash-Veteranen von Kreator. Verliehen wird der Preis am 12. März – ein halbes Jahr später geht die Band auf die komplett bestuhlte „Seats & Sounds“-Tour. Patrick Friedland sprach vorab mit Drummer Janosch Rathmer.


Bezüglich der Nominierungen: Hatten Sie jemals damit gerechnet, zusammen mit Kreator in einer Reihe genannt zu werden?

Nee. Musikalisch schon mal gar nicht. Wir freuen uns natürlich super, dass wir für den Deutschen Musikautorenpreis der GEMA nominiert sind. Für uns war das eine Überraschung, gerade weil wir Musik machen, die aus der Reihe fällt. Der Mille ist auch ein echt cooler Typ. Kreator haben wir teils auch in unserer Jugend gehört, mit 15.,16 hatte ich eine richtige Metal-Phase. Umso schöner, wenn man sich einige Jahre später auf so einer Verleihung trifft.


Kategorie „Metal“: Trifft das auf Long Distance Calling wirklich zu?

Nicht zwingend, wir wehren uns da aber auch nicht gegen. Was wir machen, ist im weitesten Sinne Rockmusik. Wir setzen uns selber auch keine Grenzen, bei uns kann alles passieren. Elektronische Einflüsse, aus dem Metal-Bereich, aus der Klassik. Ich denke, dass sowohl Metal-Hörer, als auch diejenigen, die sonst viel Elektronisches oder Film-Soundtracks hören, sich bei uns etwas herausziehen können. Wir in der Band haben auch sehr diverse Musikgeschmäcker, in den Sound der kommenden Platte, die wir gerade aufnehmen, werden wir zum Beispiel Trip-Hop einfließen lassen. Ich find‘s eben spannender, sich aus verschiedenen Schubladen zu bedienen, als immer nur das Gleiche zu hören.


Was hören Sie?

Sehr verschiedenes, auch gerne Hip-Hop, vieles aus den 90ern. Neben Rock und Jazz auch Zeug von heute wie Kendrick Lamar oder J. Cole, nur halt nicht diese ganzen aktuellen deutschen Sachen. Und die letzte Platte von Justin Timberlake fand ich super.

„Der Echo wurde in den Satz gesetzt“

Welche Bedeutung hat denn so eine Preisverleihung heute noch?

Kommt drauf an. Der „Echo“ beispielsweise ist überhaupt nicht wertvoll. Da geht es nicht um Künstlerisches, nur um Verkaufszahlen, da tummeln sich neben sämtlichen Clowns aus dem Deutschrap-Bereich Bands wie Freiwild. Bei diesem GEMA-Preis hat sich hingegen schon jemand Gedanken gemacht, der Blick geht darauf, wer coole Songs arrangiert hat. Und beim Grammy denke ich mir auch jedes Jahr in manchen Fällen: Cool, dass dieser Künstler jetzt mal Aufmerksamkeit bekommt. Schade, dass das in Deutschland mit dem Echo so in den Sand gesetzt wurde.

Was ist für Euch das Faszinierende an instrumentaler Rockmusik?

Wir hatten das ursprünglich gar nicht geplant, lange nach einem passenden Sänger oder einer Sängerin gesucht, letztlich aber gemerkt, dass es auch ohne gut funktioniert. Wenn man mit Musik eine bestimmte Atmosphäre und Stimmung, einen Soundtrack im Kopf der Zuhörer kreieren will, dann braucht es nicht unbedingt einen Sänger, der einem sagt, worum es in dem Song geht. Das Spannende ist: Bei Instrumentalsongs kann sich jeder etwas anderes herausziehen, es werden verschiedene Gefühle erzeugt.


Ist das „Stimmlose“ auch eine Antwort auf die Gesellschaft, in der viel zu viele Menschen viel zu laut reden?

Das spielt definitiv mit rein. Unsere Musik kann man dazu nutzen, einfach abzuschalten. Wir sind alle politisch interessierte Menschen, nutzen gern unsere Stimmen in den Sozialen Medien. Es ist definitiv so, dass man öfter mal den Mund halten sollte. Gerade auf Facebook und Instagram reißen viele ihre Klappen zu schnell zu weit auf, da kommt vieles bei raus, was nicht so toll ist.

„Smartphones bei Konzerten sind ultranervig“

Zur Tour: Es sind alles Sitzplatzkonzerte. Nimmt man Livemusik im Sitzen anders wahr als im Stehen?

Definitiv. Es gab einen kleinen Testballon mit drei Konzerte im vergangenen Jahr, eine tolle Erfahrung. Bei manchen Songs fällt es dem einen oder anderen schon schwer, nicht aufzustehen und zu tanzen. Für uns sind es die ruhigsten Konzerte. Bei Stehkonzerten wird im Publikum deutlich mehr geredet, bei unseren Sitzplatz-Shows kann man manchmal eine Stecknadel fallen hören. Es hat was von Kino-Atmosphäre, die Leute sind konzentriert und fokussiert, bereit, ihre Handys mal wegzupacken. Bei dieser Show haben wir zudem ausgefeilte und ausgesuchte Visuals und LED-Effekte mit dabei. Dazu suchten wir besondere Locations aus, wir gehen nicht in einen normalen Rock-Club.

Vor allem gehen Sie in Kirchen. Ist es ein besonderes Gefühl, dort zu spielen?

Ja. Einerseits weil unser Soundmann jedes Mal flucht, da er mit sehr viel Hall zu kämpfen hat (lacht), andererseits sind die Gebäude einfach faszinierend.

Die Konzerte im vergangenen Jahr wurden aber von Fans und Kritikern für ihren glasklaren Sound gelobt …

Ja, dazu braucht man aber sehr fähige Leute. Wir haben seit acht Jahren den gleichen Soundmann. Und wir suchen die Songs gezielter aus, mehr langsame Stücke. Ein hartes Metal-Konzert in einer Kirche würde vielleicht nicht funktionieren.

Müssen die Leute ermahnt werden, sich wieder hinzusetzen?

Es ist schon passiert, dass mal jemand Lust hatte, für den einen oder anderen Song mal aufzustehen, das ist dann überhaupt kein Problem.

Und die allseits grassierende Smartphone-Seuche?

Schlimm. Ultranervig. Einmal war es so schlimm, dass wir Facebook und Instagram am Tag nach dem Gig zu einem Statement nutzten. Dann kommen natürlich Reaktionen wie ‚Boah, jetzt mecker‘ noch, ich hab viel Geld für den Auftritt bezahlt, ich kann machen, was ich will“. Aber ich gucke lieber in Gesichter als in Smartphones. Es ist auch wichtig, dass Interaktion zwischen Band und Fans stattfindet. Das geht nicht, wenn man die ganze Zeit auf Apfel-Logos guckt. Einige filmen und fotografieren nicht nur, sondern checken auch während Konzerten noch WhatsApps. Aber das ist eh ein gesellschaftliches Problem.

Gibt‘s denn im September schon neue Stücke zu hören?

Völlig unwahrscheinlich ist es nicht. Das bleibt noch eine Überraschung, genau wie die Namen unserer Bühnengäste.

Eurer Konzert im kleinen Saal der Hamburger Elbphilharmonie ist bereits ausverkauft. Wird da ein Traum wahr?

Natürlich ist das etwas Besonderes. Alleine schon, weil in solchen Locations so eine Art von Musik sonst kaum präsent ist. Ich kenne auch Leute, die extra aus unserer Heimat Münster dafür nach Hamburg fahren. Ich will das aber eigentlich gar nicht zu hoch hängen, wir spielen auch in anderen wunderschönen Sälen.

Trotzdem die Frage: Wann wird‘s der große Saal der Elbphilharmonie?

Ich glaube, für den großen Saal wäre unsere Musik sehr schwierig umzusetzen. Das Ding ist so gebaut, dass selbst in der letzten Reihe der leiseste Cello-Anschlag zu hören ist, das passt im Rock-Kontekt mit lauten Drums wohl nicht.


Gibt es sonst Träume, Ziele?

Einen Film-Soundtrack schreiben. Hat bisher nie geklappt. Einige unserer Stücke liefen aber schon im Fernsehen. Irgendwann hat uns ein Kollege mal gesagt, dass er uns bei „Frauentausch“ im Hintergrund gehört hat. Eigentlich jetzt nicht die erste Adresse, wo wir unbedingt stattfinden wollen. Ein etwas härterer Song lief hingegen schon öfter bei UFC. Wir warten aber noch auf den Regisseur, der einen Film fertigstellt, zu uns kommt und nach einem Soundtrack fragt.

>>> INFO: Long Distance Calling auf Tour:

Termine: 10.9. Bochum (Christuskirche), 15.9. Köln (E-Werk).

Karten für ca. 45 € gibt’s in unseren LeserLäden, unter 0201/804 60 60 und auf www.ruhrticket.de.

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