Bühne

Van Cauwenberghs neuer Ballettabend am Aalto: Keep moving!

Elisa Fraschetti und Ige Cornelis in „Heimspiel" von Ben Van Cauwenbergh - Teil des Ballettabends "Keep Moving!"

Elisa Fraschetti und Ige Cornelis in „Heimspiel" von Ben Van Cauwenbergh - Teil des Ballettabends "Keep Moving!"

Foto: Bettina Stöß / Handout

Essen.  Essens Ballettchef Ben Van Cauwenbergh präsentiert am Aalto fünf Leckerbissen aus Modern Dance, Neoklassik und klassischem Tanz: „Keep moving!“

Er liest Zeitung, sie fährt wild heraus und will endlich seine Aufmerksamkeit. Ehepartner an einem Tisch. Er flieht, sie sehnt sich nach ihm, er kommt wieder. Sie ziehen sich hin und her, verausgaben sich. Angetrieben werden Elisa Fraschetti und Ige Cornelis vom brutalen Stampfen des dämonischen ‚Scherzo‘ aus Bruckners Neunter Symphonie. Bedrohlicher könnten diese Szenen einer Ehe kaum untermalt werden als mit dem hämmernden Totentanz von Anton Bruckner.

„Heimspiel“ nennt Ben Van Cauwenbergh sein Strindbergsches 10-Minuten-Beziehungs-Duell voller Leidenschaft, Kampfeslust und Unnachgiebigkeit. Es ist sicherlich einer der tänzerischen und musikalischen Highlights im neuen Ballettabend „Keep moving!“. Unter diesem Titel (‚Bleib in Bewegung‘) präsentiert Essens Ballettchef fünf Leckerbissen aus Modern Dance, neoklassischem und klassischem Tanz. Trotz erneut verschärfter Corona-Maßnahmen machen die Stücke klar: Auch das Aalto-Ballett tanzt wieder. Mit Kraft und brillanter Technik. Jetzt erst recht, dieses Gefühl dominierte am Ende der pausenlosen 70 Minuten bei den meisten der 250 Besucher: Seit einer Woche gilt diese reduzierte Zahl (statt wie bisher 380). Bei der Premiere wurde man einzeln den neu personalisierten Plätzen zugewiesen.

Fünf Choreographien aus verschiedenen Epochen – von 1946 bis 2019 – wirken belebend

Belebend und abwechslungsreich wirkt die Zusammenstellung der fünf Choreographien aus verschiedenen Epochen – von 1946 bis 2019. Cauwenberghs expressiver Klassiker stammt 1996, „Many a Moon“ kreierte indes Armen Harkobyan 2019, für das Stuttgarter Ballett. Der einstige Aalto-Solist und heutige Ballettmeister, der in den letzten Jahren sein choreographisches Talent erstaunlich weiterentwickelte, ließ sich bei seinen Gruppenbildern und Paartanz-Nummern (alle in schwarzen Trikots) von der rhythmisch surrenden Minimal-Music von Ezio Bosso inspirieren.

Anfangs tanzen Männer und Frauen zum Teil mit Masken, später ohne – bis das Solopaar (Adeline Pastor und Davit Jeyranyan) im Finalbild in eine weiße, giftige Wolke eingehüllt wird und – wie tödlich infizierte Wesen - verendet. Verblüffend, dass Harkobyan dieses Bild 2019 schuf. Heute wirkt es beinah wie die choreographische Prophezeiung einer Pandemie.

Tänzer machen Corona für kurze Zeit vergessen mit „Keep moving!“

Der Abend beginnt mit der tragisch verwobenen Liebes-Szene aus „Othello“ mit Yuki Kishimoto und Yegor Hordiyenko (Choreographie: Denis Untila und Michelle Yamamoto) und einer Modern-Dance Revue „Aporie“ von Iris Bouche (2011): Hier bewegen sich 20 Tänzer in Sicherheitsabstand auf der Stelle und machen Jazz-Rhythmen von Nina Simone überwiegend mit schlagenden und kantigen Arm-Bewegungen und wiegendem Oberkörper sichtbar. Am Ende aber beweisen Martin Carlos Nudo und Mariya Tyurina die zeitlose Qualität von Altmeister Roland Petit (1924-2011). Mit dem Duett „Le jeune homme et la mort“ (Der junge Mann und der Tod) von 1946 brilliert das Paar in einer Mischung aus artistischer, hoher klassischer Technik und Ausdruckstanz. Ein junger Mann träumt sich - in dem Libretto von Jean Cocteau - seine einzig Geliebte in dottergelbem Kleid herbei. Doch die Frau mit Fangarmen und schwarzen Handschuhen entpuppt sich als der verführerische, aber unbestechliche Tod (im Französischen weiblich: la mort). Eine romantische, sich ins Surreale steigernde Selbstmord-Vision nimmt ihren Lauf und endet mit dem Freitod am Galgen. Großes Kino im Taschenformat.

Fazit: Tänzer machen Corona für kurze Zeit vergessen mit „Keep moving!“ In diesen Tagen nicht nur Ballettfans zu empfehlen.

Termine: 30.10., 17., 19., 29.12. Karten: 0201/ 8122 200, theater-essen.de

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