„Now!“-Festival in Essen

Triumph für Tomás Netopil mit Schönbergs „Gurreliedern“

Tomás Netopil in Essens Philharmonie. HANDOUT

Tomás Netopil in Essens Philharmonie. HANDOUT

Foto: Hamza Saad

Essen.  Triumph für Tomás Netopil: Schönbergs gewaltige „Gurrelieder“ waren das erste große Konzert beim Essener „Now!“-Festival für Neue Musik.

Ein listiger Coup für ein Musikfest, das der Gegenwart gilt: Man setzt jenen Schönberg aufs Programm, der er 1913 vor Schönberg, dem Gefürchteten, war. Spätestromantisch, ein Kraftakt, der mit Masse Magnetwirkung erzielt – so sind die Gurrelieder gewirkt, so überwältigten sie Donnerstag das Publikum beim ersten großen Konzert des Festivals „Now!“ in Essens Philharmonie.

Der Abend geriet eindeutig auch zum persönlichen Triumph des Essener Generalmusikdirektors Tomás Netopil. Er hatte ein Klangmonstrum gezähmt, ein Oratorium, das Grenzen sprengt (nehmen wir nur drei vierstimmige Männerchöre, in summa 200 Herren!). Die schillernde Bandbreite dieser melodramatischen Schauerballade erkundete Netopil mit Essens Philharmonikern irisierend plastisch. Weder die parfümierte Fauna der französischen Eröffnung blieben die fabelhaften Holzbläser und extrem präzise agierende erste Geigen etwas schuldig, noch schwächelte, wo es ekelhaft gespenstisch wird, wo ein halbes Dutzend Schlagzeuger totentänzerisch jene Burg umzingelt, die dem Werk seinen Namen gab, das Orchester.

Torsten Kerl ragt aus Richard Wagners großem Schatten

Gurre ist die Festung von Glück und Schrecken. Die Geliebte des Königs stirbt, die Tat bleibt in der Familie. Des Regenten Waldemars Frau entledigte sich der schönen Tove. Waldemar sang (am Freitag, von einer Erkältung getroffen, durch Burkhard Fritz vertreten) Torsten Kerl. Wie gut, dass der Tenor so oft den „Tristan“ gesungen hat – lyrische Schwärmerei, heldischer Furor: Beides weiß er gleich intensiv zu gestalten. Überragend in einem sehr gut besetzen Solistenensemble: die Botschafterin der Natur, Deirdre Angenent mit empathischer dunkler Glut.

Dass lauter Wagner-Sänger agierten, liegt auf der Hand. Schönbergs frühem Wurf, der nur in Momenten die spätere „Emanzipation der Dissonanz“ erahnen lässt, entkommt der Übermacht des Meisters nicht. Im Chor hören wir Hagens Mannen und die Gespenstermannschaft des „Holländers“, im Orchester klingen bei Tod und Trauer Motive des „Ring“ an.

Aus Schönbergs Komfortzone auf zu wahrhaft Neuer Musik

Netopils vielleicht größte Leistung war, dass der Klangkoloss auch bei wildestem Fauchen die sensible Akustik des Saals nie sprengte. Großer Jubel – und die kleine Hoffnung, dass ein paar Zuhörer mehr aus Schönbergs Komfortzone nun den Schritt zu wahrhaft Neuer Musik wagen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben