Oper

„Tristan“-Verschnitt in Spielfilmlänge im Essener Aalto

Tenor Daniel Johansson (li.) und Sopranistin Daniela Köhler als Tristan und Isolde bei „Tristan XS“ mit den Essener Philharmonikern.  

Tenor Daniel Johansson (li.) und Sopranistin Daniela Köhler als Tristan und Isolde bei „Tristan XS“ mit den Essener Philharmonikern.  

Foto: Matthias Jung / Aalto

Essen.  Der „Tannhäuser“ im Aalto fiel Corona zum Opfer, nun gibt es „Tristan XS“ – die private Liebes-Story konzertant im Kostüm: Wagner light.

Dass Richard Wagner einer der großen Verlierer der Pandemie werden könnte, mit dieser Befürchtung möchte sich das Essener Aalto-Theater nicht abfinden. Der opulente Saisonauftakt mit einem neuen „Tannhäuser“ fiel zwar der Krise zum Opfer, aber ganz auf den Bayreuther Meister muss das Publikum nicht verzichten. Begnügen muss man sich allerdings mit einer Bearbeitung des „Tristan“ in Spielfilmlänge mit einem 34-köpfigen Orchester. Was die musikalische Qualität des „Tristan XS“-Projekts angeht, kommen auch eingefleischte Wagnerianer auf ihre Kosten. Mit Musiktheater hat der von Hans-Georg Wimmer geschickt arrangierte Verschnitt allerdings nichts zu tun. „Tristan XS“ ist eine Notlösung.

Szenische Einrichtung von Marijke Malitius

Immerhin können sich Daniel Johansson und Daniela Köhler als Tristan und Isolde prominent in Szene setzen. Als kleiner, aber anspruchsvoller und kräftezehrender Ersatz für den ausgefallenen „Tannhäuser“, auf den sie sich so freuten. Für die „szenische Einrichtung“ wird zwar Marijke Malitius im Programmheft erwähnt. Aber zwei kaum genutzte Podeste und ein paar Video-Projektionen des Liebespaars und des Liebestranks können nicht kaschieren, dass es sich um eine konzertante Aufführung im Kostüm handelt, zumal das Orchester den größten Teil der Bühne besetzt.

Wimmer stellt einige Schlüsselszenen der Titelhelden zusammen und fokussiert den Blick auf die rein private Liebesgeschichte. Durch den Verzicht auf die restlichen Figuren werden die gesellschaftlichen Konflikte und Spannungen dieser „verbotenen Liebe“ eliminiert, was die dramatische Schlagkraft des Werks mildert.

Daniel Johansson und Daniela Köhler mit gelungenen Rollen-Debüts

Zu hören sind mehr oder weniger vollständig das Vorspiel, Isoldes Monolog aus dem Ersten Akt, das Liebesduett, das Vorspiel zum Dritten Akt, die Sterbeszene Tristans und natürlich Isoldes Liebestod. Eine in dieser Konzentration gewaltige Herausforderung für die beiden Darsteller, was man Daniel Johansson im Liebesduett auch anhörte. Dennoch grandios, mit welcher Kondition er noch die Kraftakte der Sterbeszene umsetzen konnte. Stimmlich und emotional bringt er alles für die Partie mit. Dennoch sollte er sie im Interesse seiner Stimme noch nicht zu oft singen.

Ein Rat, den auch Daniela Köhler beherzigen sollte, die die Isolde mit frischer, mächtiger, völlig unverbrauchter Stimme und druckvoller Emphase mühelos stemmt. Bisher hat sie allerdings nur kleinere Wagner-Rollen gesungen und leichte Schärfen in der Höhe könnten sich bei zu vielen Auftritten verstärken. Gleichwohl kann von rundum gelungenen Rollen-Debüts gesprochen werden, die eine Menge der sinnlichen Stimmung des Werks spürbar werden lassen.

Tomáš Netopil lässt die Leidenschaften glühend aufleuchten

Dass die Leidenschaften glühend aufleuchten können, dazu trägt Generalmusikdirektor Tomáš Netopil wesentlich bei. Bei der direkten Nähe der Solisten zum Orchester verliert die von Armin Terzer für Kammerorchester eingerichtete Fassung erheblich weniger an Volumen und Kolorit als befürchtet. Mit einfach besetztem Holz, Englischhorn, Bass-Klarinette, zwei Hörnern, Pauke, Harfe und einem reduzierten Streicherensemble kommt das Orchester der auf die private Liebesbeziehung zugeschnittenen Version durchaus entgegen. Allerdings ist der Orchesterklang sehr höhenbetont. Den Bass-Registern könnte eine Verstärkung nicht schaden.

Das Publikum in mäßig besetzten Aalto-Theater reagierte begeistert auf diesen behelfsmäßigen Ausflug in die scheinbar verlorengegangene Welt Richard Wagners. Es überträgt sich zwar manches von der einmaligen Aura des Stücks, aber den Wunsch nach Wagner in komplettem Gewande verstärkt das nur.

Die nächsten Aufführungen im Aalto-Theater Essen: am 11. und 21. Oktober, am 26. November und am 11. Dezember (Karten: 0201/8122-200; www.aalto-theater.de).

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