Campino-Interview

Tote Hosen: Campino über die neue Tour und das Älterwerden

Die Toten Hosen machen jetzt „Alles ohne Strom“. So wie hier (v.l.) Andi, Campino und Kuddel beim Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle.

Die Toten Hosen machen jetzt „Alles ohne Strom“. So wie hier (v.l.) Andi, Campino und Kuddel beim Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle.

Foto: Enno Kapitza / Handout

Im Interview verrät Campino, warum sich Die Toten Hosen als Balkan-Band verstehen und weshalb sich Düsseldorf und das Ruhrgebiet ähnlich sind.

Düsseldorf. Campino kommt in Schwarz. Schwarzes Jeanshemd, schwarze Hose, schwarze Lederschuhe – aber er lächelt, die Laune ist glänzend. Das neue Album „Alles ohne Strom“ ist fertig, und am Abend zuvor hat sein Verein gewonnen. Campinos Stimme gehört den Toten Hosen, aber die Liebe des 57-Jährigen teilen sich der FC Liverpool und Düsseldorf. Campino lehnt sich zurück, er hat Zeit. Auch für ein Gespräch mit Kirsten Simon in der Hosen-Zentrale in Flingern, über spät erfüllte Big-Band-Träume, die neue Tour und die steile These, dass sich Düsseldorf und das Ruhrgebiet ähnlich sind.

Sie ziehen neuerdings die Stecker aus den Instrumenten. Sind die Akustik-Konzerte der Beitrag der Toten Hosen zum Stromsparen?

Campino Es schadet jedenfalls nicht (lacht). Uns ist schon bewusst, dass man mit jedem Live-Konzert auch Umweltverschmutzer ist. Deshalb nur am Rande: Wir kompensieren schon seit Längerem den CO2-Ausstoß auf unseren Veranstaltungen durch Zahlungen an eine Organisation, die damit Klimaschutzprojekte fördert.

Keine elektronische Verstärkung, dafür personelle. Aus fünf Musikern werden 16. Warum?

Die Toten Hosen wollten von Beginn an eigentlich immer eine Big Band sein. Je mehr Musiker mit auf Reisen sind, desto lustigere Situationen können entstehen. Wir möchten damit der Idee einer Klassenfahrt so nah wie möglich kommen.

Wer darf bei der Tournee im Bus hinten sitzen?

Das muss noch ausgelost werden. Aber es war tatsächlich schon früher unsere Absicht, mit möglichst vielen Freunden an einen anderen Ort zu fahren und dort Party zu machen. Egal, was man musikalisch drauf hatte. Bestes Beispiel war unser damaliger Gitarrist Walter November. Der konnte gar nichts, deshalb haben wir seine Lautstärke bei den Konzerten heruntergedreht. Das hat er gar nicht gemerkt.

Wo wir gerade bei den Anfangsjahren der Toten Hosen sind: Zu Zeiten der Opel-Gang hätten Sie den Begriff Big Band spießig gefunden, oder nicht?

Eine Big Band in dem Sinne von Riesenradau hätte ich auch damals toll gefunden. Ich war Fan von den Specials, einer Band, bei der Bläser und Keyboards auf Augenhöhe eingesetzt wurden. Und ich war auch Fan von Balkanmusiktruppen, die Vollgas gegeben haben. Das war für mich kein Widerspruch zu Punkrock. Ich habe dabei nie an James Last gedacht, bin mir aber nicht sicher, ob ich früher schon verstanden habe, was ein Dirigent für eine großartige Arbeit leistet. Dass er teilweise hundert Instrumente zu einer Einheit zusammenbringen und und kontrollieren muss.

Haben Sie keine Sorge, dass Ihnen nun vorgeworfen wird, den nächsten Schritt in Richtung Mainstream zu gehen und Menschen einzufangen, die eigentlich andere Musikrichtungen mögen?

Es ist vielleicht einer der wenigen Vorteile am Älterwerden, dass einen die Meinung der anderen immer weniger interessiert. Man lernt, aus sich selbst zu schöpfen und sich seine Sicherheit von innen zu holen. Ich messe unsere Qualität zusehends weniger am Applaus der anderen, als daran, dass ich mich selbst mit den Dingen wohlfühle. Ich meine damit nicht, dass man satt und blasiert durch das Leben laufen muss, aber dass man sich über seine Schritte klarer ist.

Was sind die Akustikabende dann?

Sie sollen weniger als zweites Unplugged-Konzert verstanden werden, sondern definitiv mehr in Richtung Balkanband für alle Gelegenheiten gehen. Die spielen auf Hochzeiten und Beerdigungen, auf denen getanzt und geschwitzt wird, immer verbunden mit viel Action. Wir wollten das zu einer guten Party machen, aber eben mit anderen Mitteln. Von daher weiß ich gar nicht, ob das überhaupt ein Schritt zum Mainstream ist. Aus unserer Position heraus wäre es doch viel massenkompatibler und sicherer, etwas zu veröffentlichen, das klar auf unserer Linie ist. Ich finde, was wir gerade machen, ist nicht der einfachste Weg. Wir haben die Lieder teils sehr umgearbeitet, deshalb ist es für uns auch künstlerisch eine Versuchung und mit Dingen wie unserer Rammstein-Coverversion verlassen wir durchaus das sichere Terrain. Die einen werden sagen: „Was erlaubt ihr euch? Ihr könnt die nie erreichen.“ Die anderen werden schreien: „So eine bescheuerte Band.“

Hat Till Lindemann denn schon sein Urteil gefällt?

Wir haben eine Nachricht von der Band bekommen, dass sie das gefreut hat.

Die Toten Hosen sind weltweit im Einsatz. Privat sind Sie aber Zeit Ihres Lebens Düsseldorf treu geblieben. Woran liegt das?

Wenn man so viel unterwegs ist, sehnt man sich nach zuhause. Wenn ich heimkomme, setze ich mich als erstes auf das Fahrrad und fahre zum Rhein. Dann werden mir die schönen Dinge klar, die es hier gibt. In dieser Stadt sind die Menschen, mit denen ich zur Schule gegangen bin, mit denen ich meine Jugend verbracht habe. Man trifft sich bei Fortuna oder im Uerige. Ich habe das Gefühl, mit den Leuten durch das Leben getragen zu werden und das in seiner schönsten Form. Wir gehen alle den Weg gemeinsam.

Waren Sie in Ihrem Leben nie an einem Punkt angekommen, an dem Sie die Koffer packen wollten?

Tatsächlich wollte ich in der Zeit zwischen 16 und 25 nach England. Ich dachte, dass das mehr meine Heimat ist. Aber es hat sich nicht ergeben und im Grunde bin ich durch die Toten Hosen dann auch an Düsseldorf gebunden gewesen.

Im Ruhrgebiet hält sich hartnäckig die Vorstellung, Düsseldorf sei oberflächlich und versnobt. Erklären Sie dem Ruhrgebietsmenschen mal, was Düsseldorf ausmacht.

Jemand aus dem Ruhrgebiet ist doch gar nicht so weit weg von uns, als dass er sich nicht schnell eine andere Meinung holen könnte, wenn er denn wollte. Natürlich hat Düsseldorf sehr lange versucht, als Klein-Paris und Modestadt zu punkten, aber dieser Ort ist so viel mehr als das und im Grunde sehr nah dran am Ruhrgebiet. Allein durch die stahlverarbeitende Industrie. Düsseldorf hat Riesenwerke gehabt und war genauso vom Aussterben dieser Fabriken betroffen wie der Ruhrpott. Wir haben ebenfalls eine große Arbeitertradition, auch wenn die vielleicht in der Öffentlichkeitsarbeit etwas vernachlässigt worden ist. Ich denke, dass der Rheinländer sehr umgänglich ist und am Kiosk genauso mit wildfremden Menschen ins Gespräch kommt wie der Ruhrgebietler. Wir sind uns nicht so fremd, wie manchmal getan wird.

Aber da gibt es den Rhein…

Klar haben wir damit etwas unheimlich Schönes direkt vor der Haustür. Dadurch dass das so ein wilder Fluss ist, kann man ihn nicht knapp eingrenzen oder zubauen. Deshalb gibt es hier diese Freiheit mit den Rheinwiesen. Das bedeutet mir viel. Wobei man sagen muss, dass es im Ruhrgebiet ebenfalls viele schöne Ecken gibt. Ich denke da zum Beispiel an den Baldeneysee in Essen, die ganzen Naturschutzgebiete oder auch die Ruhr.

Was hat denn die Grönemeyer-Textzeile „Wer wohnt schon in Düsseldorf“ bei Ihnen ausgelöst?

Wir haben ihm das hart zurückgegeben (lacht). Mit unserer Zeile (singt) „Die Menschen sind depressiv, was ist bloß schief gelaufen, dass so viele Menschen hier Musik von Grönemeyer kaufen…“ haben wir mit Zins und Zinseszins zurückgeschlagen. Aber wir mögen uns. Glaube ich. Hoffe ich. Also von meiner Seite aus auf jeden Fall.

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