Hoffmanns Erzählungen

Theater Hagen feiert Frauenversteher im Vatermörder

Angela Davis, Cristina Piccardi, Thomas Paul, Netta Or, Kenneth Mattice, Chor und Extrachor in einer Szene von Hoffmanns Erzählungen.

Angela Davis, Cristina Piccardi, Thomas Paul, Netta Or, Kenneth Mattice, Chor und Extrachor in einer Szene von Hoffmanns Erzählungen.

Foto: Klaus Lefebvre / Theater Hagen

Hagen.  Das Publikum feiert am Theater Hagen die Oper Hoffmanns Erzählungen. Wir verraten, ob die Inszenierung wirklich gut ist.

Das Theatercafé verwandelt sich in einen Wartesaal zum ewigen Glück. Hier spielt jeder dem anderen etwas vor, am liebsten von der Liebe. Und weil das so schön klingt, feiert das rundum begeisterte Publikum im Theater Hagen eine musikalisch sehr befriedigende Inszenierung von Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ mit Szenenapplaus zuerst nach jeder Arie, dann sogar nach jeder Strophe, und langem Beifall im Stehen am Schluss.

Die Geschichten von ETA Hoffmann sind schwarze Romantik, darin verstören das Übersinnliche, das Phantastische, das Grauen die brave bürgerliche Seele. Für den realen Dichter Hoffmann wird das Theater zum magischen Ort der geheimnisvollen Verwandlungen. Einige dieser Abenteuer erzählt Jacques Offenbach in seiner unvollendeten Oper „Hoffmanns Erzählungen“, die den Titelhelden zum Subjekt und Objekt der Erzählung gleichermaßen macht. Und weil Offenbach Offenbach ist, fügt er dem Schauerlichen noch die Ebene des Bizarren hinzu.

Sprünge in der Realität

Für die Regie ergibt sich daraus die Herausforderung, mit den Realitätsbrüchen und -sprüngen in der Handlung umzugehen. Hoffmann phantasiert sich seine Liebesgeschichten ja unter Drogeneinfluss zusammen. Der Hagener Intendant Francis Hüsers versucht, das Problem vor der Folie einer imaginierten Zeitreise zu lösen; die vier Frauen in Hofmanns Erzählungen verschwören sich in der Gegenwart, den Poeten in der Vergangenheit zu verführen und vorzuführen.

Mit Künstlerdrama hat das nichts mehr zu tun, auch nicht mit dem seltsamen Exorzismus, den Hoffmann in der Oper betreibt, indem er sein Frauenbild nicht nur in Heilige und Hure aufspaltet, sondern gleich drei angstbesetzte Überfrauen beschwört und zerstört: den kaltherzigen, perfekten Automaten, die Kurtisane mit ihren Hintergedanken, und, aus Hoffmanns Sicht am gefährlichsten von allen, die Sängerin, die eine bessere Künstlerin ist als der Mann, der sie zur Hausfrau machen will.

Architektur der Gründerzeit

Bühnenbildner Alfred Peter hat dafür einen sängerfreundlichen Einheitsraum entworfen, der mit seinen Täfelungen, Pilastern und Lünetten Elemente der typischen, auch Hagener Theaterarchitektur und Grand-Café-Architektur der Gründerzeit zitiert und die Jahreszahl 1907 vorgibt. In diesem Jahr wurde das Philharmonische Orchester Hagen gegründet, das mangels eines Theaters zunächst im Kuppelsaal des Grand Cafés Weidenhof spielte. Und genauso wie in der Inszenierung darf man sich die Atmosphäre dort vorstellen.

1907 erschien aber auch die 5. revidierte Auflage von Offenbachs Partitur, an der sich die Hagener Aufführung orientiert. Der Chor trägt Kostüme aus der Kaiserzeit, die vier Verschwörerinnen Muse, Olympia, Antonia und Giulietta zitieren dagegen Modestile von 1950 bis 1980, und Hoffmann tritt zunächst ebenfalls mit Vatermörder auf, während sein Gegenpart Lindorf die Westfalenpost liest und von den Frauen erst in ein Kostüm der Jahrhundertwende gesteckt wird.

Zack, Zack, eröffnet das Orchester mit zwei knackigen und präzisen Akkordschlägen die Handlung, und das Publikum merkt schnell, dass jetzt gerade etwas Großes passiert. Denn Generalmusikdirektor Joseph Trafton zaubert mit viel Freude alles an Charakterfarben aus dem Graben, was die Partitur zwischen der Ballade von Klein-Zack und der Barcarole zu bieten hat. Das Unheimliche, Abgründige, Gespenstische, aber auch das Groteske und Sehnsuchtsvolle liegen in diesem Dirigat ganz nah beieinander. Offenbachs Notentext wird mit herzerwärmender Feinarbeit ausgeleuchtet, mit wunderbaren Solostellen etwa in Cello, Flöte und Klarinette, das Orchester spielt präzise und geschmeidig und hat doch Atem genug für gefühlvolle, streichersatte Aufschwünge, Wagnerfarben stehen neben Mozartfarben und kippen unvermittelt in den Galopp der Pariser Vaudevilles um.

Sänger in Hochform

In diesem musikalischen Umfeld können die Sänger zur Bestform auflaufen, allen voran Thomas Paul in der Titelpartie, der sich mit schön timbriertem Tenor und guter Kondition geradezu leidenschaftlich in den Kraftakt zwischen lyrischen Liebesschwüren und auftrumpfenden Phantastereien stürzt.

Cristina Piccardi gibt die Olympia im elektrischblauen Jackenkleid mit makellosen, himmelhohen Koloraturen. Netta Or ist eine verführerische Giulietta in rattenscharfen Lackstiefeln; Maria Markina singt die Muse/Nicklausse mit aufblühendem Mezzo, und Angela Davis ist eine Antonia, die ihre Leidenschaft für ihre Kunst und ihre Zerrissenheit zwischen Karriere und Mann mit Sopran-Bögen zeichnet, die wie überraschende Geschenke aufblitzen.

Der Lindorf ist von Offenbach als diabolischer Gegenspieler des Dichters eingeführt worden, dieses Teuflische und Unheimliche verliert er allerdings in der Hagener Interpretation, wo er ja nur ein Werkzeug der Verschwörerinnen ist. Dong-Won Seo setzt dieser Abwertung der Bösewichter einen wahrlich raumfüllendem Bass entgegen. So wie Lindorf anfangs die Jeans gegen den Gehrock tauscht, so wechselt Hoffmann im Finale vom Vatermörder zu Jeans. Das Publikum stört sich nicht daran, dass dieser Erzähltrick ziemlich wackelt, es ist glücklich vor lauter Musik.

Termine und Karten: www.theaterhagen.de

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