Kino

„The Cleaners“: Neuer Kinofilm über die Internet-Zensur

Foto: Gebrueder Beetz Filmproduktion 

 Foto: Gebrueder Beetz Filmproduktion 

„The Cleaners“ ist eine packender Dokumentarfilm über Menschen, die das Internet vom Schmutz der Gegenwart befreien sollen.

Lerne was in der Schule, sonst endest du als Müllsammlerin, hat die Mutter der jungen philippinschen Frau mitgegeben. Sie hat gelernt und sie scheint es geschafft zu haben: aus dem Slum von Manila in eine klinisch reine Büroetage. Doch was sie dort tut, ist womöglich noch viel schlimmer: Sie sammelt den Müll des Internets. So wie tausende anderer Philippiner, die sich anschauen, was in den sogenannten sozialen Netzwerken dieser Welt jeden Tag hochgespült wird. Gewaltdarstellungen, Pornografie, auch mit Tieren und Kindern, Selbstmorde, Attentate, Kriege.

Einer erzählt, dass er pro Schicht 25 000 derartiger Bilder sichten muss, so ist die Vorgabe. Etwas mehr als eine Sekunde pro Bild, dann entscheidet er: Löschen oder ignorieren. Er darf in Zweifelsfällen auch einen Beitrag überspringen. Bis zu dreimal … in der Woche.

Facebook, Youtube, Twitter lagern Drecksarbeit aus

Die großen kalifornischen Konzerne haben die Drecksarbeit ausgelagert, offiziell sind die „Moderatoren“, so die Selbstbeschreibung der Zensoren, bei Subunternehmen beschäftigt. Und wer redet, über die Arbeit und ihre Bedingungen, der fliegt. Viele halten den Job nicht aus. Selbst der Kinozuschauer, dessen Voyeurismus die Doku von Moritz Riesewick und Hans Block glücklicherweise in keinem Moment befriedigt, kann nicht mehr ohne böse Gedanken im Hinterkopf zuschauen, wie ein Moderator morgens sanft seine kleine Tochter küsst, ehe er sich aufmacht zur Arbeit.

Viele seiner Kollegen haben hingeworfen, es hat Selbstmorde gegeben. Genauso wie sie vor dem Bildschirmen live miterleben mussten, wie Menschen sich umbringen. Und es nicht verhindern konnten und nach den Richtlinien nicht zensieren durften.

So weit, so schrecklich. „The Cleaners“ wirft aber noch weitere Fragen auf: Was passiert mit unserer Demokratie, mit der öffentlichen Diskussion, wenn gutwillige, aber schlecht gebildete Philippiner befinden, was wir sehen dürfen? Wenn ein Künstler die ertrunkenen Flüchtlingskinder zeigt? Eine Menschenrechtsorganisation die Bombenangriffe in Syrien dokumentiert? Nach den schlichten Richtlinien der Moderatoren darf dies nicht gezeigt werden.

Kalifornische Künstlerin wird für Trump-Akt zensiert

Genauso wenig wie das ikonische Schwarz-Weiß-Bild mit dem unbekleideten Mädchen, das weinend im Vietnamkrieg von US-Soldaten über eine Straße getrieben wird. Oder wie ein Gemälde einer kalifornischen Künstlerin, das einen nackten Trump zeigt mit kleinem Geschlechtsorgan – Beleidigung des Präsidenten ist das für einen Phillippiner.

Facebook, Google und Co gehen mittlerweile auch weiter, das dokumentiert die ebenfalls eingewobene Senatsanhörung aus den Staaten. In der Türkei beispielswese werden regional zahlreiche Informationen blockiert, räumen die Konzerne ein. Sonst würde Erdogan vermutlich die sozialen Netzwerke komplett verbieten – und die Konzerne verlören einen wichtigen, lukrativen Markt.

Meinungsfreiheit zählt nur, wo sie nichts kostet

Meinungsfreiheit, so das bittere Fazit, zählt nur da, wo sie nicht das Geschäft verdirbt. Die marktkonforme Demokratie – sie erschafft sich selbst durch die mächtigen Internetkonzerne und ihre Netzwerke, außerhalb derer wir kaum noch an Informationen kommen.

Man muss fürchten, auch das lehrt „The Cleaners“, dass sich das Internet so zum wahren Leben verhält wie eine Shopping Mall zur lebendigen Stadt: sauber, ökonomisch, mit strikt durchgesetztem Hausrecht, das sozial Schwache, Künstler, Störenfriede, Diebe und Konsumkritiker gleichermaßen konsequent aussperren kann. Und die Beschäftigungsbedingungen der Klofrauen und Müllentsorger dort blenden wir genauso gern aus wie die Arbeit der Sammler des digitalen Mülls.

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