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Tatort-Kommissar begeistert Urlauber in Ostfriesland

Tatort-Kommissar Devid Striesow hat ein Gastspiel in Ostfriesland gegeben.

Tatort-Kommissar Devid Striesow hat ein Gastspiel in Ostfriesland gegeben.

Foto: dpa

Carolinensiel.  Tatort-Kommissar Devid Striesow hat im Hafen von Carolinensiel eine besondere Lesung gehalten. Nordlicht erzählt Geschichten aus Brasilien.

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„Urlaub“ will er machen, und dann dreht er wieder, „Schwarz & Schwarz“, eine neue Samstagsreihe fürs ZDF; „Bella macht’s ja nicht mehr.“ Das alles scheint für Devid Striesow noch weit weg. Der Grimme-Preisträger lebt momentan im Hier und Jetzt. Gerade hat der 45-jährige Grimme-Preisträger eine Lesung mit Musik absolviert, in Carolinensiel, einem Nordsee-Ort in Ostfriesland, den Ruhris, Sauerländer und Niederrheiner gemeinhin mit Urlaub verbinden.

Der „Tatort“-Kommissar ist Star eines Nachmittages in dem traditionsreichen Sielhafen, den jetzt Hunderte von Touristen bevölkern. Sie lieben den Spätsommer, und der Spätsommer liebt Devid Striesow. Denn der Schauspieler liest im Hafen, auf dem Kutter „Gebrüder Carolinensiel“, unter freiem Himmel. 168 Zuschauer lauschen dem Mimen unter freiem Himmel. Schwülwarm ist’s: Polo-Wetter. 168 zahlende Zuschauer wohl gemerkt. Viel mehr Menschen, Schaulustige wie Hörlustige, umringen ihn im Sielhafen, stehend, sitzend, auf jeden Fall bestens mit kühlen Getränken versorgt.

Devid Striesow gibt den kühlen Klaren aus dem Norden

Gleich zwei Festivals machen im Küsten-Ort gemeinsame Sache: Niedersachsens „Musiktage“ und das „Literaturfest Niedersachen“. „Das ist neu“, sagt eine Pressefrau. Neu ist auch der Ort Carolinensiel.

Dramaturg Kristof Magnusson bringt beide Elemente zusammen: Texte und Musik. Für die Noten ist das Signum Saxophone Quartet aus Köln zuständig. Mit Bachs „Italienischem Konzert“ fangen die vier Musiker an. Vom Klassik geht’s zu Tango, Bossa, Weltmusik, Hochglanz-Musik mit perfekter Akustik. Lauer Wind streichelt die Haut, Wohlklang streichelt die Seele.

Und Devid Striesow? Er gibt den kühlen Klaren aus dem Norden. Comdey setzt er höchstens in homöopathischen Dosen ein. Damit unterscheidet er sich wohltuend von Lesungen neueren Stils, die der Magie von Text und Stimme nicht mehr vertrauen und stattdessen dem Kalauer das Feld überlassen: Der Gag heiligt die Mittel.

Geschichten aus Brasilien

Striesow ist anders. Strieslow ist klassisch. Striesow liest. Der Mime füllt den ganzen Hafen mit seiner Stimme: klar, deutlich und mit wohl dosiertem Rhythmus. Das Publikum hat die Lauscher aufgespannt, anständige Stille liegt über dem wohl wuseligen Touristenzentrum, selbst in Eiscafés und Bier-Terrassen.

Dramaturg Magnusson punktet mit cleverem Konzept. Seine Text-Collage bedient Lokalkolorit. Marie Ulfers‘ „Windiger Siel“ erzählt von Auswanderungsdruck und Fernweh im 19. Jahrhundert. Deutschland hungert, und in der Ferne erscheint Brasilien als gelobtes Land, in dem eine seltsame Frucht namens Banane wächst, zuckersüß und in rauhen Mengen verfügbar.

Überhaupt Brasilien. Devid Striesow gibt dem Autor Thomas Meinecke eine Stimme, der das südamerikanische Land fürs Goethe-Institut bereiste. Joao Ubaldo Ribeiro spiegelt Berlin aus eines Brasilianers: staunend, neugierig, ironisch. Vanessa Barbara lässt brasilianisches Chaos zu einer Briefträger-Posse zusammenschnurren. Schießlich endet die Lese-Reise, wo sie begann: im Sielhafen, in Carolinensiel.

Eine Lesung in Tatort-Länge

Dass die meisten der 168 Zuschauer eher Zuhörer sind, stört niemanden. Das Gros des Publikums lauscht ohnehin mit geschlossenen Augen. Denn Striesow bietet Kino ohne Bilder. Seine Stimme besitzt, mit feinem norddeutschen Akzent, eine magische Präsenz, die vergessen macht, dass ein Schauspieler auf einem Kutter an einem quadratischen, abgewetzten Holztisch sitzt, eine Wasser-Karaffe neben sich, und ein schlichtes Glas.

90 Minuten dauert der Trip: „Tatort“-Länge. Das Publikum ist begeistert, spendet warmen Applaus. Striesow badet darin. Ein paar Autogramme gibt er noch, seine wasserblauen Augen lächeln still versonnen. Sein Urlaub, so scheint es, hat gerade begonnen.

>>>Zur Person: Heimspiel für Striesow

Devid Striesow hatte in Carolinensiel, Niedersachsen, quasi ein Heimspiel. Der 45-Jährige ist ein Nordlicht, stammt von Rügen.

Seit 2001 sammelt er als einer der prägendsten deutschen Schauspieler Auszeichnungen wie andere Menschen Modellautos. 2012 wurde er für den Film „Ein guter Sommer“ mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet.

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