Ruhrfestspiel-Theater

Stehende Ovationen für die Mutter aller Ehekriegs-Schlachten

„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ von Edward Albee bei den Ruhrfestspielen in der Regie vo: Karin Beier: Maria Schrader, Josefine Israel, Matti Krause und Devid Striesow (v. li.).

„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ von Edward Albee bei den Ruhrfestspielen in der Regie vo: Karin Beier: Maria Schrader, Josefine Israel, Matti Krause und Devid Striesow (v. li.).

Foto: ARNO DECLAIR

Recklinghausen.   Devid Striesow und Maria Schrader grandios in der ausverkauftesten Inszenierung der Ruhrfestspiele: „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“

Es tut zwischendurch auch mal wieder ganz gut, ein gut gemachtes Stück Theater zu sehen, ganz ohne „postdramatische“ Regie-Einfälle und Zertrümmerungs-Ausfälle. Mit hingebungsvollem Schauspielertheater, mit subtil ausgeformter Psychologie voller Macken und Widersprüche stattdessen, mit menschlichen Rätseln auf zwei Beinen, die unsere Nachbarn sein könnten oder Arbeitskollegen. All das in prallen zwei Stunden bot die begehrteste Aufführung der diesjährigen Ruhrfestspiele – „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, die Mutter aller Ehekriegsschlachten, als Gastspiel des Hamburger Schauspielhauses, mit Maria Schrader und Devid Striesow in den tragenden Rollen und in der schier unsichtbaren, gleichwohl kühl kalkulierten Regie der Intendantin Karin Beier. Die Ruhrfestspiele hätten wohl ein Dreifaches der drei Vorstellungen vom Wochenende verkaufen können, die Kombination von Stück, Schauspielern und Regisseurin galt zu Recht als sichere Bank.

Devid Striesow komisch und abgründig böse zugleich

Striesow gab im ebenfalls kühlen Ambiente aus Loft-Podest, höher gehängten Mondlampen und zwei Servierwagen voller Alkoholika (Bühne: Thomas Dreissigacker) zwar dem komischen Affen Zucker, zugleich aber auch den Blick frei in die Abgründe einer Seele, die durchdrungen ist von der Lust an der Zerstörung ebenso wie von der Sucht nach Alkohol. Das Blut dieser Schlacht fließt in Strömen aus verletzten Gefühlen, und nur zu gern gibt man sich im behaglichen Theatersessel diesem Illusions-Cocktail aus Sehnsucht und Bösartigkeit hin, hier eine Konfliktlinie wiedererkennend, dort schaudernd vor den offen ausgetragenen Exzessen.

Maria Schrader als nicht entschärfte Frustrationsbombe

Maria Schrader war darin die schmerzhaft überzeugende Frustrationsbombe im Zustand der misslungenen Entschärfung. Matti Krause als Hipster-Prof im Karo-Anzug und Josefine Israel als tanzbeseeltes Kunstblond-Dummchen glänzten als perfekte Zuspieler.

Dass die Illusionsmaschine Theater hier ausgerechnet einen Scherbenhaufen geplatzter Lebensillusionen ausleuchtet, ist nur eine von vielen Ironien des schillernden Albee-Stücks. Recklinghausen hatte sein hohes Vergnügen daran und feierte die Schauspieler minutenlang und mit stehenden Ovationen vom Vorhang weg.

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