Klassik

Stampa sah Konzerthaus Dortmund stets „zum Erfolg verdammt“

Nach 13 Erfolgsjahren geht der Intendant des Konzerthauses Dortmund, Benedikt Stampa, nach Baden-Baden.

Foto: Morris Willner

Nach 13 Erfolgsjahren geht der Intendant des Konzerthauses Dortmund, Benedikt Stampa, nach Baden-Baden.

Dortmund.   13 Jahre war Benedikt Stampa Intendant des Konzerthauses Dortmund. Ein Abschieds-Interview über Erfolge, Krisen, Fußball, Platzhirsche.

Physisch haben die Dortmunder ihn von Beginn an als Riesen wahrgenommen, als Großer wird er in die Geschichte des Konzerthauses eingehen. Nach 13 Jahren verlässt Benedikt Stampa das Haus Richtung Baden-Badener Festspielhaus. Lars von der Gönna traf ihn zum Gespräch über Erfolg, Fußball-Vergleiche, Kinderplatten – und Krisen.

Mir scheint, das Konzerthaus ist in Ihrer Intendanz ein echter „place to be“ geworden.

Stampa: Wir erleben ein wichtiges Phänomen: Die gesellschaftliche Relevanz von Konzerten, auch als Räume sozialer Verortung, nimmt stetig zu. Das betrifft eben nicht nur „Hot Spots“ wie Salzburg oder München. Ich glaube, dass eine bürgerliche Gesellschaft sich wiederfindet in einem Ort wie dem Konzerthaus Dortmund.

Woran merken Sie das?

Zum Beispiel an der Kleiderordnung. Es laufen viel mehr Leute ohne Krawatte rum, der legere Schickeria-Touch sozusagen. Aber man merkt auch, dass das Stylische zugunsten einer urbaneren Kleidung abnimmt. Für mich ist das ein klares und schönes Zeichen dafür, dass immer mehr Besucher zu uns kommen, die nicht im klassischen Konzert-Milieu zu Hause sind: Kultur erobert sich wieder Räume.

Stampa sagt über das Dortmunder Konzerthaus „Wir haben das BVB-Gen“

Subventionsdiskussionen sind in Ihrer Ära nie laut geworden. Weil das Haus sehr erfolgreich ist?

Subventionen sind das Treibmittel, das ein Konzerthaus für kulturelle Programme braucht, die nicht auf kommerzieller Basis funktionieren. Übersetzt: Subventionen gleichen Defizite aus, die durch Kultur entstehen.

Nochmal: Dass Ihr Haus in Zeiten klammer Etats nie in Frage stand, liegt das ausschließlich am Erfolg?

Das Haus war ja gewollt. Schon vor meiner Zeit war es eine Adresse mit hoher Strahlkraft, es gab nie ein Zuschauerproblem. Natürlich kann man sagen: Erfolg zieht an, auch Politik. Wo etwas Erfolg hat, will man dabei sein. Auf der anderen Seite waren wir natürlich auch zum Erfolg verdammt. So ein Haus zu bauen, ist an sich ja schon eine Hybris gewesen: ein 5-Sterne-Haus im Brückstraßenviertel. Mittelmaß reicht da nicht aus. Ich würde im Ruhrgebiet nicht sagen: „Mia san mia!“ Aber wir haben sozusagen das BVB-Gen: Wir müssen uns dauernd auf höchstem Niveau beweisen.

Wer sind Sie eigentlich in diesem Haus? Sie dirigieren nicht, Sie musizieren nicht. Aber Sie sind der, durch den es läuft. Um im Fußball-Vokabular zu fragen: Was sind Sie, Platzwart oder Trainer?

Vielleicht endet da die Analogie zum Fußball. Im Prinzip bin ich etwas zwischen Oliver Bierhoff und Jogi Löw. Ich habe zwar keinen Einfluss auf das Spielfeld, setze aber trotzdem die Künstler darauf. Ich weiß ja, wen ich einkaufe; in diesem Sinne bin ich auch für die Qualität der Aufführung verantwortlich. Ich würde mir aber nie anmaßen, mich mit einem Dirigenten zu vergleichen.

In Krisen hielt es Benedikt Stampa mit Oliver Kahn: „Weiter, immer weiter!“

Erinnern Sie sich an Ihre erste Kinder-Schallplatte?

Gute Frage, das hat mich geprägt. Das war „Aschenputtel“, und fürs Höfische hatte man da Händels Feuerwerksmusik (Stampa singt den Beginn der „Réjouissance“) gewählt. Irgendwie hat mich diese Mischung aus Melodie und Stimmung sehr erwischt, das zieht sich vielleicht bis heute durch mein Verhältnis zur Musik. Zu meinem Musikprofessor habe ich auf die Frage, was ich an Neuer Musik schätze, mal gesagt: „Ich find’ den Sound klasse“, worauf er mich pikiert anblickte. Aber dass ich Musik sehr offen annehme und nicht erst durch Filter gieße, hat meiner Arbeit sicher hie und da geholfen.

Die letzten Wochen nur Jubel. Darf ich im Rausch des Abschieds spielverderberisch fragen, wie Sie, der Siegertyp Stampa, in all den Jahren mit Krisen umgegangen sind, Absagen, Enttäuschungen? Ich tippe: Sie sind der Typ, der nicht einbricht sondern gleich nach vorn drängt.

Treffer! Wie Oliver Kahn sagt: „Weiter, immer weiter!“ Klassische Konzerte zu stemmen ist ein sehr emotionales Geschäft. Man erlebt auch herbe Enttäuschungen, plötzlich gelten Verabredungen und Freundschaften nicht mehr, dazu die Nähe und Konkurrenz der Philharmonien in Essen und Köln... Wir sind das kleinste unter den größten Häusern in Deutschland, da gehört eine gewisse Kämpfermentalität natürlich dazu.

Und wenn Sie mal verlieren...

Wissen Sie, ich bin schnell enttäuscht, aber ich schreie dann nicht herum. Ich finde es in solchen Fällen immens wichtig, gemeinsam und im Team nach Lösungen zu suchen. Und die finden sich auch. 2008 etwa ließ die Finanzkrise plötzlich zentrale Sponsoren eines extrem hochrangigen Projektes – „Norma“ mit Cecilia Bartoli – abspringen. Wir mussten andere Türen finden. Und in Dortmund andere Türen zu finden, wenn es um viel Geld geht, ist ex­trem schwierig. Aber es gelang. Das Projekt fand statt.

Nehmen Sie es als Kompliment, dass ich Sie – trotz alllen Machtbewusstseins – als Anti-Typ Ihrer Branche empfinde. Kein Impresario-Gehabe, sehr pragmatisch, nicht im Elfenbeinturm...

Mit 52 weiß ich ungefähr wie ich bin. Und ich bin innen wie außen: Was die Menschen, die mit mir umgehen, sehen, ist authentisch. Aber ich kann mich in sehr verschiedenen Sozio-Milieus ganz gut bewegen. Wenn man ehrlich auftritt, funktioniert das meistens.

13 Jahre Erfolg in Dortmund, jetzt Chef des feinen Baden-Badener Festspielhauses. Denken Sie manchmal: Das bin ja ich?!

(lacht) Subtile Frage. Tatsächlich: Als man anfing, guckte man auf diese gewaltigen Intendantenpersönlichkeiten von Baumbauer bis Ruzicka. Denen bin ich mit Ehrfurcht gegenübergetreten.

Und plötzlich sind Sie selbst einer von den Zwölfendern.

Na, das Gute daran ist, dass mein Umfeld verhindert, dass ich ein Zwölfender werde. Ich brauche diese Waldlichtung aber auch nicht, auf der ich röhren kann.

Herr Stampa, sind Sie da ganz sicher?

Sagen wir mal so: Ich kann eckig werden, wenn mir jemand die Lichtung wegnimmt (lacht herzhaft).

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