Theater

Shakespeares Coriolan als Zerrspiegel für Trump und Erdogan

Horrorclowns, Pausenclowns: „Coriolan“ von William Shakespeare in Düsseldorf in der Regie von Tilmann Köhler. Im Vordergrund:.Jonas Friedrich Leonhardi und André Kaczmarczyk.

Horrorclowns, Pausenclowns: „Coriolan“ von William Shakespeare in Düsseldorf in der Regie von Tilmann Köhler. Im Vordergrund:.Jonas Friedrich Leonhardi und André Kaczmarczyk.

Foto: Sandra Then

Düsseldorf.   „Coriolan“ im Düsseldorfer Schauspielhaus: Krieger, Intriganten, Opportunisten - hier sind alle Clowns. Das Volk wird zum (un-)heimlichen Helden.

Clowns! Coriolan, Menenius Agrippa, die Volkstribunen Velutus und Brutus – alles Clowns! Die Römer-Clowns haben rote Nasen, die feindlichen Volsker-Clowns blaue. Ein Horrorclown hier, ein Pausenclown da, und das Make-up des Titelhelden erinnert gar an den Batman-Gegenspieler Joker. Maske tragen hier alle, lächerlich sind die meisten – und letztlich ist es ein Spiel, Theater, nicht zu verwechseln mit dem wirklichen Leben da draußen. Oder doch?

Shakespeares „Coriolan“ ist das eigentlich das Drama des begabten Kriegers: Er taugt zum Politiker nicht, weil er Kompromissen notorisch mit dem schnell geschwungenen Schwert seiner Entscheidung zuvorkommt. Brecht hat ihn in seiner fragmentarisch gebliebenen Bearbeitung des Stoffs gar zum heraufdämmernden Diktator stilisiert und das Volk zur klassenkämpferischen Masse, ähnlich wie Giorgio Strehler in seinem Piccolo Teatro.

Anders als Trump, Erdogan und Orban

In seinem Düsseldorfer „Coriolan“, dessen Premiere am Freitagabend mit langem, langem Applaus und mit Jubel gefeiert wurde, gibt Regisseur Tilman Köhler dem hochpolitischen Stück mit der permanenten Clownsparade einen doppelten Boden. Der bewahrt vor allzu schnellen Analogien: Narzissmus und Demagogie, die brandgefährliche Kombination von Demokratiediktatoren wie Trump, Erdogan und Orban, sind hier verteilt. Hier der hochbegabte Coriolan, der sein Kriegshandwerk überragend versteht, dort die Volkstribunen und Coriolans Einflüsterer Menenius Agrippa (Rainer Philippi glänzt als seniler Opportunist), die über genau jenes politische Gen verfügen, das dem ehrpusselig erzogenen Kriegskönner abgeht.

Zum (un-)heimlichen, letztlich tragischen Helden dieser Inszenierung aber wird das Volk, das in glänzend einstudierter Choreografie über den Bühnenboden stampft, hoppelt, schleicht. Es ist jener „große Lümmel“, dem ein Heine einst „ein neues Lied, ein besseres Lied“ und „Zuckererbsen für jedermann“ verhieß. Es skandiert „Wir sind die Stadt“ und grölt wie die Fan-Horden aus dem Stadion „Auswärtssieg!“ und „O, wie ist das schön!“ Es trifft, manipuliert von den Tribunen (Sebastian Tessenow und Florian Lange sind zwei aasige, erschreckend erfolgreiche Intrigantenstadelspieler), die falschen Entscheidungen. Und es bietet, faul und feige wie es ist, Coriolan die Chance, sich als Held hervorzutun.

André Kaczmarczyk als reiner Tor der Schlachtfelder

André Kaczmarczyk spielt ihn voller Jugend-Naivität in der Stimme, kraftvoll, aber ohne einen Hauch von diktatorischer Ambition, fast ein reiner Tor der Schlachtfelder. Er wird seinen Erzgegner Aufidius (Jonas Friedrich Leonhardt setzt Leidenschaft mit Gebrüll gleich) in männerfeinschaftlicher Zärtlichkeit umarmen, weil ihm der existenzielle Kampf wichtiger noch ist als der Sieg. Und der Sieg wichtiger als die Beute. Was soll so einer mit zähen Aushandlungsprozessen anfangen, wie sie zu einer wirklichen Volksherrschaft gehören?

Und einmal mehr erweisen sich in Düsseldorf die üblen Beschränkungen der „Central“-Spielstätte als Kreativitäts-Turbo: Die Bühne von Karoly Risz besteht aus sandfarbenen Holzquadraten auf dem Boden, rechts, links, hinten und ist vollkommen leer. Eine Handvoll Requisiten wird ausreichen, die wirklichen Räume, Abgründe, Kulissen entstehen im Spiel des glänzend aufgelegten Ensembles. Die druckvoll, sparsam und äußerst effektvoll eingesetzte Maschinenmusik kommt wie ein Gruß von „Kraftwerk“ daher.

„Es gibt auch anderswo noch eine Welt!“

Am Ende wird sein Sohn ihn zitieren, gespielt von einem Mädchen, während die Frauen des Stücks von Männern gespielt werden als sichtbarer Ausweis der antiken Machismo-Welt. Vom stinkenden Straßenköter-Atem ist da die Rede und von Hass. Aber der letzte Satz bricht die fatale Sackgasse der politischen Widersprüche auf: „Es gibt auch anderswo noch eine Welt!“

Dreieinhalb Stunden, eine Pause. Weitere Termine: 27. April, 11. und 23. Mai, 11. Juni. Karten: www.dhaus.de und Tel. 0211/ 36 99 11.

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