Literatur

Saša Stanišic erzählt schillernd, was „Herkunft“ bedeutet

Saša Stanišic

Saša Stanišic

Foto: David Levenson

Mit 14 aus Bosnien nach Deutschland, sprachlos. Heute ist Saša Stanišic einer der begabtesten Gegenwartsautoren. „Herkunft“ ist sein neues Buch.

Die Großmutter hatte es in von Liebe durchtränkter Strenge ja früh erkannt: Der Junge würde niemals lügen, sondern „immer nur übertreiben und erfinden“. 30 Jahre später – Saša Stanišic hatte seinen ersten Roman herausgebracht – feiert die Greisin ihre Prophetie: „Erfinden und übertreiben, heute verdienst Du sogar dein Geld damit.“

Erfinden. Übertreiben. Man muss sich diese zentrale Gabe eines der größten schriftstellerischen Talente seiner Generation immer vergegenwärtigen. Muss man? Oder wollen wir gerade das lustvoll der Vergessenheit übergeben, weil uns dieses wunderbare Buch dann im autobiografischen Hasardspiel mit lauter Hauptgewinnen noch mehr beschenkt?

Saša Stanišic legt mit „Herkunft“ ein berührendes Buch über Identität und Menschlichkeit vor

„Herkunft“ heißt es schlicht. Ein Buch auf der Höhe der Zeit. Wo jemand herkommt, haben die Menschen vielleicht noch nie so oft gefragt wie heute – vor allem, weil sie glauben, danach beantworten zu können, ob jemand das Recht hat hierzubleiben. Saša Stanišic, 41, hat das ja alles erlebt. Er, dessen heute so feines, so poetisches Deutsch („Die Flüsse wachsen den Ufern über den Kopf“) einen nie und nimmer ahnen lässt, dass er mit 14, sprachlos, nach Deutschland kam. Die bosnisch-serbische Familie hatte ihr Land verlassen. Vom Bürgerkrieg in ein Land aus „Mülltrennung, Mohnkuchen und Maronenröhrling sammeln“. Und exakt einen Satz zuvor zückte dieser Stanišic die Klinge der erzählerischen Offenbarung und verrät seine Überlegung, „welcher Pilz mit M beginnt, damit das Folgende besser klingt.“

Und also müssen wir in diesem Dutzende Schauplätze pflegenden Werk, das Erinnerungsalbum ist, Märchen, Essay und von begnadeter Komik aufgehellte europäische Momentaufnahme, doch nicht die Frage nach dem Erfundenen stellen. Stanišic beantwortet sie immer wieder mal, am entwaffnendsten vielleicht mit dem Satz über sein Ankommen in der Bundesrepublik: „Meine Rebellion war die Anpassung.“ Wäre das dann auch die Anpassung des Erlebten, an das, was man lieber erzählen würde?

„Herkunft“ braucht Literatur nicht als Kitt, der Flickenteppich besitzt Magie und Kraft

Gleichviel:Die grandios bunten Flicken dieses Prosa-Teppichs sind packend. Die Demenz der Großmutter hat in seinen ins Fantastische wuchernden Wahrnehmungsprotokollen keinen geringeren Wert als seine drohende Abschiebung. Die beim Heimatbesuch registrierten gerahmten Fotos der Kriegsverbrecher Karadzic und Mladic im Regal der Tante besitzen eine Wucht, die den mythengeladenen bosnischen Bergen standhält. Ob Genozid oder Vogelbeere: beidem gilt Auge, Ohr, Sprache. „Literatur ist ein schwacher Kitt“, schreibt Stanišic und zeigt doch, dass es gar keinen Kitt braucht. Das Feingefühl dieses Schriftstellers, mit dem er das Unbegreifliche ertastet, Worte sucht (und findet) für das Herzwärmende wie das Grausame unseres rätselhaften Miteinanders, begleitet einen noch lange nach der Lektüre.

Saša Stanišic: Herkunft. Luchterhand, 353 Seiten, 22€

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