Ruhrfestspiele

Ruhr-Epos bei den Ruhrfestspielen: verlorene Zeit

„Die verlorene Oper“.Ein Projekt von Thorleifur Örn Arnasson und Albert Ostermaier bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen.

„Die verlorene Oper“.Ein Projekt von Thorleifur Örn Arnasson und Albert Ostermaier bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen.

Foto: Katrin Ribbe

Recklinghausen.  Großes Getöse, schwacher Abend. Vier Stunden dauert bei den Ruhrfestspielen der Versuch, Brechts ungeschriebenes Ruhr-Epos zu erwecken.

Kommen ein Isländer und ein Münchner zu einem Luxemburger Intendanten und wollen den Abschied von der westfälischen Steinkohle inszenieren. Klingt wie ein Theaterwitz, wird aber von den vier Ruhrfestspiel-Stunden, die Mittwoch Minuten vor Mitternacht endeten, noch übertroffen. Und das kommt so:

Da 2018 alles, was irgendwie mit Pütt zu tun hat und nicht bei drei auf dem Schnürboden ist, bühnenreif geschossen wird, geschieht das im Extremfall auch mit Stücken, die es nie gegeben hat. Vor 90 Jahren nämlich schloss die Stadt Essen in einem Anflug (danach selten wieder erlebter) künstlerischer Avantgarde einen Vertrag mit Bert Brecht und Kurt Weill. Die sollten ein „Ruhrepos“ fertigen: Theater aus harter Arbeit, dazu Film, Songs, ein Drama vor Montankulisse, mit dem die Stadt der Welt zeigen wollte: Wir können Kunst. Es blieb beim Vorhaben. Außer Plänen und Entschädigungskorrespondenzen existiert keine Zeile.

Brechts „Ruhr-Epos“ entstand nie. Die Ruhrfestspiele ändern nichts an der Lücke

Aber was für Namen! Und was für eine Verheißung: „Was für ein großartiges Werk das hätte werden können“ bewarben die Festspiele ihren Coup, der in der Premiere etliche in der Pause die Flucht antreten ließ und den Rest zu kaum mehr veranlasste als Lachen unter Dehnen.

Albert Ostermaier (München) schrieb, Thorleifur Örn Arnarsson (Reykjavik) führte Regie. Die erste Stunde: ein mit platten Clownsnummern gepimpter VHS-Kurs zur Vita Brechts – ein notgeiler Stinker demnach. Im Anschluss: Autor vor Spiegel, nicht endenwollende Nabelschau übers krampfhafte Textgebären. So vernahmen wir, was längst ersichtlich war: Unlösbar 2018, wie Brecht oder als Brecht zu schreiben. Das Recklinghäuser Werben mit zwei Ikonen des Welttheaters blieb die reine Mogelpackung.

Wer Ruhr suchte, musste sie vor allem nach der Pause finden. Angenehm war auch das nicht. Unfreiwillig theaterparodistisch: eine Schweizerin, die zu Renaissancegesängen Pott-Schimpfworte ausstieß („Furzknoten!“). Da war Recklinghausen, Heimat Kerkelings, dem Hurz so nah. Und kugelrunde Plastik-Kohle flutete hundertfach den Raum. Lichtblick in Materialschlachten: eine zart hingetupfte Fellini-Nummer, brüchiges Märchen vom Schneewittchen und den Revier-Zwergen, die futsch sind, weil Chinesen ihnen den Pütt abmontiert haben.

Viel Bühnenmusik von der Stange, Wagner und Schubert - wie schon oft eingesetzt

Apropos kleine Lösung: „Namhafte Musiker des Ruhrgebiets“, tönte der Werbetext der Festspiele zuvor, „komponieren eigens für diese ,Oper’ neue Songs.“ Man hörte wenig davon, dafür Theatermusik von der Routine-Stange: Nibelungenring und Winterreise. Den Taubenvatter-Film kitscht man mit dem Lohengrin-Vorspiel auf.

Der Abend: zu drei Vierteln ein Offenbarungseid. Es hatte diese Kunst für Kohle-Aktion – auch textlich nie erstklassig – etwas von einer Beerdigung mit bezahlten Trauergästen. „Die verlorene Oper“: ein verlorener Abend.

Heute (20h) und morgen (17h) im Festspielhaus Recklinghausen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben