Kultur

Rubens-Ausstellung zeigt die Wirkung von Licht und Schatten

Die „Beweinung Christi“, ein Rubens-Werk, das um 1612 entstanden ist, wird im Paderborner Diözesanmuseum gezeigt.

Die „Beweinung Christi“, ein Rubens-Werk, das um 1612 entstanden ist, wird im Paderborner Diözesanmuseum gezeigt.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Paderborn.  Mit einer exquisiten Ausstellung beeindruckt das Diozesanmusem Paderborn derzeit. Gezeigt werden die Werke von und über Peter Paul Rubens.

Dralle Engel mit dicken Backen werden nicht von ungefähr zum Markenzeichen der barocken Kunst. Sie sind eine Gegenreaktion auf die Verheerungen des 30-jährigen Krieges mit seinen Seuchen und Gräueltaten. Wie der Schauwert die sakrale Kunst erobert, zeigt das Diözesanmuseum Paderborn jetzt mit der exquisiten Ausstellung Peter Paul Rubens und der Barock im Norden“. Im Mittelpunkt stehen der Schaffensprozess und der Transfer dieser neuen Ästhetik des Malerfürsten aus Siegen.

Eine ungewöhnliche Perspektive

Der tote Christus liegt auf dem Salbungsstein. Der Betrachter sieht die Füße zuerst, eine ungewöhnliche Perspektive. Es ist fast, als wäre er selbst dabei, so nahe kommt er der „Beweinung Christi“; er kann gar nicht anders, als Mitleid zu empfinden, mit dem Gekreuzigten, aber auch mit dessen Mutter, die dem Toten sanft einen Dorn aus der Stirn zupft und ihm mit der anderen Hand zart das linke Auge schließt.

Solche Szenen sind neu in der Kunst des 17. Jahrhunderts. Bisher hat noch kein Maler es gewagt oder gekonnt, seine Figuren mit einer so spektakulären Präsenz darzustellen. Tiefe Gefühle und große Gesten wollen das Publikum ergreifen, es rühren.

Neue Schwerpunkte

Was ist neu bei Rubens? Er verändert das Bild vom Körper, der nun in aller Stofflichkeit dargestellt wird. Vor allem aber setzt er Licht und Schatten ein, um dramatische Wirkungen zu erzielen, Rubens erfindet die Lichtregie. In der „Beweinung“ geht alles Licht vom bleichen Leib Jesu aus.

In der „Verkündigung an Maria“ hingegen ergießt sich das Licht aus der aufgerissenen Wolkendecke auf das Haupt des Engels, das ist ein ungeheuerlicher Effekt, wie ihn kein Theaterregisseur besser inszenieren könnte.

Der Vergleich mit dem Schauspiel liegt nahe, denn die Menschen des Barockzeitalters verstehen sich als Akteure in einem Welttheater. Und die katholischen Kirchen, die nach den Bilderstürmen und Kriegsverwüstungen wieder aufgebaut werden, setzen in aller Bewusstheit auf theatralische Mittel. Der Altar wird zur Bühne. Er ist ja auch erstmals für das gemeine Volk zu sehen, nachdem die Lettner abgerissen sind. Das ist den Jesuiten zu verdanken, die bildnerische Medien zur Glaubensvermittlung einsetzen. Das Auge glaubt mit.

Konzept garantiert Teilhabe

Die „Verkündigung an Maria“ ist eine bildschöne Ölskizze. Davon gibt es eine Vielzahl in der Paderborner Ausstellung, und diese Modelli waren in solcher Zusammenstellung bisher noch nie zu sehen. Der erste Arbeitsauftrag von Rubens ist die Ausstattung der Jesuitenkirche in Antwerpen mit unter anderem 39 großen Deckengemälden. Die sind 1738 verbrannt, aber die Modelli sind erhalten. „Sie zeigen den Künstler beim Schöpfen, und das in einer grandiosen künstlerischen Freiheit“, so Museumsdirektor Prof. Dr. Christoph Stiegemann.

Rund 40 originale Rubens-Arbeiten und Werke aus der Rubens-Werkstatt gehören zu den 120 Exponaten der Paderborner Ausstellung. Museumsdirektor Stiegemann und sein Team haben ein Konzept entwickelt, das den Betrachter teilhaben lässt, an dem Neuartigen, das Rubens schafft und durch geschickte Vermarktung selbstbewusst in Europa bekannt macht. So hat Rubens neben dem Kupferstich auch die Skulptur beeinflusst.

Pro Woche ein Altarbild

1500 großformatige Altarbilder werden Rubens zugeschrieben. Pro Woche muss also ein Altarbild die Antwerpener Werkstatt verlassen haben. Kupferstiche von Rubens-Gemälden werden zu einem eigenen Subgenre und bringen neue Auftraggeber. So holt der damalige Fürstbischof von Paderborn die Brüder Willemssens aus dem Rubens-Umkreis nach Paderborn.

Diese Rubens-Impulse reichen bis zur Bildhauerwerkstatt der Familie Papen in Marsberg-Giershagen, die einen eigenen barocken Madonnen-Typus erschaffen. Migration und Kunsttransfer sorgen dafür, dass Westfalen keine abgelegene Provinz bleibt, sondern an der kreativen Neuerfindung der Epoche teilhat.

Durch das Bild überwältigt

Was macht Rubens anders als die anderen? Er will durch das Bild überwältigen. Das ist ein neuer Gedanke. Und es ist ein Prozess, der sich in der Ausstellung aus dem Zusammenspiel der einzelnen Exponate erschließt. Etwa in der als Brunaille angelegten Skizze zur Kreuztragung.

Die ungewöhnlich große Vorstudie zeigt, wie Rubens das Gesamtbild komponiert und ist gleichzeitig eine Regieanweisung an die ausführenden Maler. Aber sie ist noch viel mehr. Christus stürzt unter der Last des Kreuzes. Er liegt am Boden. Und von tief unten ist er doch der einzige in der volkreichen Szene, der aus dem Bild herausschaut. Er blickt den Betrachter direkt an. Das wirkt bis heute.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben