Kunst

Rosemarie Koczy – die Jüdin, die keine war

Eine der 12 000 Holocaust-Zeichnugnen von Rosemarie Koczÿ (1997).

Foto: Kunsthalle Recklinghausen

Eine der 12 000 Holocaust-Zeichnugnen von Rosemarie Koczÿ (1997). Foto: Kunsthalle Recklinghausen

Recklinghausen.   Rosemary Koczy aus Recklinghausen hinterließ 12.000 Holocaust-Zeichnungen. Ihre jüdische Kindheit legte sie sich aber erst mit über 50 Jahren zu.

Rosemarie Inge Koczy, 1939 in Recklinghausen geboren, eine weltweit angesehene Wandteppich-Designerin und Zeichnerin mit fast 200 Ausstellungen rund um den Globus, galt fast drei Jahrzehnte lang als Jüdin, als Holocaust-Opfer, das als Kind mit der Familie die Konzentrationslager Traunstein/Dachau und KZ Ottenhausen-Saarbrücken (Außenlager des KZ Struthof) überlebt hat.

Sie habe Folter und Mord mitansehen müssen und Bulldozer, die Leichenberge in die Grube schoben, hieß es. Jetzt haben der Historiker Georg Mölllers, Erster Beigeordneter der Stadt Recklinghausen, und Stadtarchivar Matthias Kordes herausgefunden: Rosemarie Koczy war keine Jüdin, die Hochzeitsurkunde ihrer Eltern aus dem Jahr 1938 bescheidigt beiden, „deutschblütig“ zu sein. Die Vorfahren von Koczys Vater waren aus Polen eingewandert, Großelter und Vater galten stets als römisch-katholisch, genau wie ihre Mutter, eine geborene Wüsthoff.

Rosemarie Koczy verstarb im Jahr 2007

Erst in den 90er-Jahren, als Rosemarie Koczy längst eine etablierte Künstlerin war, gefördert vom Guggenheim-Direktor Thomas Messer, „outete“ sie sich nach einer seelischen Krise als jüdisches KZ-Opfer – zuvor hatte sie ein halbes Jahr in einer Klinik verbracht, weil man Sorge hatte, sie könne sich umbringen. Bereits Mitte der 70er-Jahre hatte sie begonnen, Opfer von Folter und Verfolgung zu zeichnen, Verletzte des Vietnam-Kriegs, KZ-Insassen, später auch Szenen aus dem Bürgerkrieg in El Salvador. Sie lebte mit ihrem zweiten Ehemann, dem Komponisten Louis Pelosi, abwechselnd in Genf und New York; 1989 wurde sie US-Staatsbürgerin.

Irgendwann begann sie, auf die Rückseite der Zeichnungen, von denen bis zu ihrem Tod im Dezember 2007 rund 12 000 entstehen, immer denselben Text zu schreiben: „Ich webe Euch ein Leichentuch“ – was im jüdischen Bestattungritus Respekt ausdrückt. „Jeden Tag fahre ich fort, die Opfer zu beerdigen“, sagte sie dazu. Dass sie selbst aber im Alter von drei Jahren deportiert worden sei, wie sie später behauptete, scheint erfunden zu sein.

Koczy entwickelte in Kindheit autistische Züge

Wahr ist allerdings, dass Rosemarie Koczy die Nachkriegszeit als Odyssee erlebte: Ihre Eltern hatten sich scheiden lassen, sie wuchs in ständigem Wechsel bei Pflege-Eltern und in einem Waisenhaus im Münsterland auf. Als ihre Mutter Anfang der 50er-Jahre stirbt, entwickelt sie autistische Züge – und darf Aquarell-Kurse besuchen. Sie wird zunächst zur Näherin ausgebildet , geht 1959 auf Drängen ihres Großvaters nach Genf und zeichnet, während sie sich als Kellnerin durchschlägt; dann studiert sie ab 1961 an der Kunstgewerbeschule in Genf und auch in Prag.

Peggy Guggenheim wird Anfang der 70er-Jahre auf Rosemarie Koczy aufmerksam und beauftragt sie mit einem Wandteppich für ihren Palazzo in Venedig. Ihre Zeichnungen werden zunächst der „Art Brut“ zugerechnet, Außenseiter-Kunst mit rohen, expressiven Zügen. Jean Dubuffet, der Vorreiter dieses Stils, nimmt Werke von Rosemary Koczy in die legendäre „Art Brut“-Sammlung von Lausanne auf.

Nach dem „Outing“ Koczys mit über 50 Jahren Anfang der 90er aber werden die Arbeiten stets mit der Aura eines Holocaust-Opfers gesehen – Koczy-Werke sind auch in den Sammlungen der Gedenkstätten Yad Vashem in Jerusalem und des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald vertreten.

Witwer hat der Kunsthalle Recklinghausen 200 Werke als Schenkung übereignet

Der Witwer Louis Pelosi hat der Kunsthalle Recklinghausen über 200 Werke Rosemarie Koczys als Schenkung übereignet, hauptsächlich Zeichnungen, aber auch mehr als ein Dutzend Leinwände und vier haushohe Holz-Stelen. Bis zum 19. November sind rund 100 der Werke in der Recklinghäuser Kunsthalle ausgestellt. Ob man sie nun abhängen sollte? Nein, sagt Hans-Jürgen Schwalm, Direktor des Museums: „Wir stellen die Arbeiten ja nicht aus, weil Rosemarie Koczy aus Recklinghausen ist oder weil sie ein Holocaust-Opfer wäre, sondern weil sie eine ernstzunehmende Künstlerin ist, die zu ganz eigene Bildschöpfungen für menschliches Leid gekommen ist.

Mit künstlerisch teilweise herausragenden Zeichnungen. Sie hat sich ja nicht selbst dargestellt. Es gibt keinen Bruch in ihrer Kunst, sie hat nach dem vorgeblichen Outing als Jüdin dieselbe Kunst gemacht wie vorher.“ Und: „Sie hat fest geglaubt, dass sie eine Jüdin war und sich nach ihrem Krebstod nach jüdischem Ritus bestatten lassen.“

Auch interessant
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik