Oper

Rheinoper zeigt „Madama Butterfly“ als packendes Musikdrama

Keine Liebe von Dauer unterm Sternenbanner: Szene aus „Madama Butterfly“ an der Rheinoper.

Keine Liebe von Dauer unterm Sternenbanner: Szene aus „Madama Butterfly“ an der Rheinoper.

Foto: Hans Jörg Michel

Duisburg.   „America forever“ heißt es in Puccinis „Butterfly“. Und plötzlich klingt eine alte Oper durchaus heutig. Premiere war Samstag in Duisburg.

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14 Tage ist Trump erst im Amt, aber selbst ins Parkett des Duisburger Theaters schafft es seine Politik. Seit 113 Jahren singt der Tenor in Puccinis „Madama Butterfly“, vom Publikum kaum mehr als wohlwollend belauscht, seinen Trinkspruch: „America forever“. Aber in Duisburg gibt es ganz plötzlich spürbar Reaktionen von der Sorte belustigtes Unwohlsein.

Das sind Aktualitäten, die kein Regisseur planen kann (Inszenierungsaufträge haben durchaus Vorläufe von zwei Jahren). Umso gespannter registrierte man Samstag bei der Premiere, wie wenig angejahrt die tragische Romanze ist — in Zeiten von „America first!“.

„Madama Butterfly“ in Duisburg in der spannenden Inszenierung von Joan Anton Rechi

Nein, es regiert diese Neudeutung der Rheinoper gottlob nicht die Tagesschau, kein gelbes Präsidenten-Toupet, keine Geisha-Parodie auf Jugo-Models. Und doch setzt Joan Anton Rechi gleich zu Beginn den eindeutigen Akzent: Als der US-Marine Pinkerton sein neues Heim prüft, ist die Bleibe für ihn und die erst 15-jährige Butterfly bloß noch ein Miniaturmodell. Es weht hier mächtig das Star-Spangled Banner, es ruht ein ganz und gar westlicher Blick auf dem, was dem Amerikaner bloß erotischer Zeitvertreib, der zarten Japanerin aber heiliges Eheversprechen ist. Die Zeugen dieses mehr als kulturellen Missverständnisses sind im raffinierten Bühnenbild Alfons Flores’ also nicht die hauchzarten Papierwände eines Pavillons – die Liebesnacht stützen die steinerne Säulen der US-Botschaft.

Kollateralschaden und Seelenpein sind in starken Bildern auf der Bühne zu sehen

Aber nicht einmal hier steht noch ein Stein auf dem anderen, als der Gatte zu neuen Ufern aufbricht und Butterfly verlässt: Flores lässt in einem Coup die Säulen unter Fliegergetöse in sich zusammenfallen. Wer wollte sagen, ob Liebe als Kollateralschaden des Krieges erscheint oder jene greifbare Zerstörung, die bis zum Ende die Bühne beherrscht, die Folge seelischer Grausamkeit ist? Wie das einsame Mädchen, in nie enden wollender Hoffnung ihr löchriges Zelt noch mit der Heimatflagge des Geliebten deckt, ist ein Bild, das sich einbrennt. Es ist nicht das einzige visuelle Pfund: Immer wieder lässt eine in Zeitlupe rotierende Drehscheibe im Innern der Bühne Familie, Mann oder ein kleines Schiff die einstürzende Welt der einsamen Frau passieren: Liebe ist – eine vorübergehende Erscheinung.

Die Duisburger Philharmoniker zeigen sich für Puccinis Meisteroper in Bestform

Rechi gelingt ein emotional intensiver Abend. Trotz der dramaturgischen Schwächen, die diese Meisteroper besitzt, erzählt er mit bestechender Genauigkeit von der Hybris der Großmacht, die selbst die Liebesnacht im Würgegriff hält. Aber was wäre alles subtile Erzählen ohne diese Heldin: Liana Aleksanyans Butterfly balanciert die Doppelgesichtigkeit der großen Tragödin dank fragilen Lyrismen wundergleich aus. Wen ließe diese herrlich warm timbrierte Stimme kalt, die Drama und Sinnlichkeit so natürlich zu Schwestern macht?

Eduardo Aladréns etwas hüftsteif agierender Pinkerton stemmt sich respektabel in die Forte-Höhen, bei weniger Kraft zeigt die Stimme unschön Fahles. Maria Kataevas Mezzo gibt der Dienerin Suzuki melancholische Noblesse. Der Chor erfühlt die Gänsehaut-Momente punktgenau. Gleichauf mit der Titelheldin sind Duisburgs Philharmoniker das Gütesiegel der Premiere: Erst 28 Jahre alt ist der Usbeke an ihrem Dirigentenpult. Aber wie mit diesem Aziz Shokhakimov das blendend aufgelegte Orchester Puccinis Exotik-Experiment kristallklar herausdestilliert und zugleich im großen Pathos feingliedrig den Atem Wagners wehen lässt, das ist opersinfonische Feinkost, wie sie in Duisburg lange nicht gereicht wurde. Gewiss, sie spielten etwas laut. Aber wann hätte es je so wenig gestört wie hier?

>>WEITERE AUFFÜHRUNGEN

Puccini: Madama Butterfly. Theater Duisburg, ca. 3 Std. Die nächsten Termine sind im Februar (8., 11., 19., 25.), März (1., 5., 9.) sowie im Mai und Juni.

Karten (20,30 - 70,30 €) gibt es im Internet (www.operamrhein.de) oder telefonisch unter s 0203 / 283 62 100.

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