Neu im Kino

Reiten in den Widersprüchen des Wandels

„The Rider

„The Rider

Essen.   Neu im Kino: Die Regisseurin Chloé Zhao begleitet in dem dokumentarisch gearbeiteten Film „The Rider“ Cowboys und Rodeoreiter

Wenn das US-Kino von Rodeo-Reitern und heutigen Cowboys erzählt, ist der Ton meist elegisch. Gezeichnet wird das Bild einer kalten modernen Welt voller Konsumdenken, man beklagt das Verschwinden alter Werte und Ideen. Auch „The Rider“, der zweite Spielfilm der jungen, in China geborenen Regisseurin Chloé Zhao, beschwör ein Gefühl des Verlusts herauf. Aber Zhaos Blick ist nüchtern und differenziert. So wie sie das Vergangene nicht verklärt, verteufelt sie auch nicht die Gegenwart. Amerika wandelt sich, genau wie die Menschen. Das kann man bedauern, aber leben muss man damit trotz allem.

Laien statt Schauspieler

Für Brady Blackburn allerdings ist sein bisheriges Leben praktisch vorbei, seit er einen beinahe tödlichen Rodeo-Unfall hatte. Die Ärzte verbieten dem im Pine Ridge Reservat in South Dakota lebenden Cowboy und Pferdetrainer, zu reiten. Ein weiterer Sturz würde seinen sicheren Tod bedeuten. Doch so einfach kann Brady nicht loslassen. Dafür liebt er Pferde viel zu sehr. Außerdem kommen immer wieder Farmer und Züchter zu ihm, wenn sich eines ihrer Tiere nicht zähmen lassen will.

Wie schon bei ihrem bisher bei uns nicht veröffentlichten Debüt „Songs My Brother Taught Me“ arbeitet Chloé Zhao auch bei „The Rider“ konsequent mit Laien statt mit Schauspielern. Brady Jandreau, den sie bei den Dreharbeiten zu ihrem ersten Spielfilm kennen gelernt hat, verkörpert den früheren Rodeo-Reiter und erzählt seine eigene Geschichte. Auch alle anderen Darsteller spielen fiktive Variationen ihrer selbst. So bekommt Zhaos Film ein Zug ins Dokumentarische, der sich auch in Joshua James Richards’ Kameraarbeit spiegelt. Seine Bilder von der endlosen Prärie und den ärmlichen Häusern im Reservat beschwören ein Amerika herauf, das zwischen dem 19. und dem 21. Jahrhundert hin und her schwankt.

Wenn Brady, um überhaupt etwas Geld zu verdienen, in einem riesigen Supermarkt Waren in Regale räumt, prallen die Gegensätze aufeinander. Anders als in der Weite der Natur, in der er zu Hause ist, wirkt Brady in den breiten Supermarktgängen verloren. Es sind Momente wie diese, in denen Chloé Zhaos neo-realistische Gratwanderung zwischen Fiktion und Dokumentation eine besondere, fast überwältigende Kraft entwickelt. Ihr gelingt es, die Wirklichkeit abzubilden und sie zugleich auf eine magische Weise zu überhöhen. Ihre sensiblen Beobachtungen und Brady Jandreaus intensives, aber niemals effekthascherisches Spiel verdichten sich zu reiner Poesie.

Natürlich schwingt in Bradys Geschichte sehr viel Elegisches mit, vor allem wenn er sich mit seinem Freund Lane, der nach einem Unfall beim Bullenreiten im Rollstuhl sitzt und nicht mehr sprechen kann, alte YouTube-Video von ihren Rodeo-Ritten ansieht. Doch letztlich geht es Zhao um eine Zukunft. Veränderungen können tragisch sein. Aber sie zu ignorieren, zu verdrängen, ist keine Lösung.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben