Theater

Premiere: Bochums Iphigenie führt Euripides zu Jelinek

Szene aus „Iphigenie“ am  Schauspielhaus Bochum,  Regie führte Dušan David Pařízek

Szene aus „Iphigenie“ am Schauspielhaus Bochum, Regie führte Dušan David Pařízek

Foto: Julian Röder

Bochum.   Passt vielleicht nicht, wird passend gemacht: Euripides und Jelinek umkreisen eine Iphigenie-Deutung in Bochum. Das Publikum feiert den Abend.

Was nicht passt, wird passend gemacht: In seiner ersten Arbeit am Bochumer Schauspielhaus hat Regisseur Dušan David Pařízek Wagemutiges vor. Er verknüpft die antike „Iphigenie“ des Euripides mit „Ein Sportstück“ von Elfriede Jelinek, das locker 2500 Jahre später entstand, und mischt beide Texte zu einer Art „Best of“ in weniger als zwei pausenlosen Stunden.

Während sich die Zuschauer über eine schwungvolle, kurzweilige Aufführung freuen können, die glänzend gespielt ist, muss allerdings die bange Frage erlaubt sein: Ergibt dieses kühne Unterfangen eigentlich Sinn? Oder hat Pařízek der zeitlos starken „Iphigenie“ allein womöglich nicht ganz vertraut und rührt deswegen eine Portion Jelineksche Wortgewalt unter?

Euripides „Iphigenie“ und Jelineks „Sportstück“ eint wenig außer der großen Klammer Krieg

Beide Stücke scheint auch bei bestem Willen nicht viel zu einen – vom Krieg als ganz große Klammer einmal abgesehen. Bei Euripides ist es der Trojanische Krieg, der kurz bevor steht und von dem griechischen König Agamemnon einen hohen Preis verlangt: Für den günstigen Fahrtwind seiner Flotte soll er seine Tochter Iphigenie opfern, ihr Leben für den Sieg. Elfriede Jelinek hingegen schrieb ihr „Sportstück“ unter dem Eindruck der Balkankriege der 90er Jahre und findet immer wieder famose Formulierungen, den Sport zum Schlachtfeld des Lebens zu drehen. „Sportler sind wie Soldaten“, schreibt sie. „Ein jeder gibt sein bestes im Trikot.“

Auch Pařízek gibt sein bestes, beide Stücke in Einklang zu bringen, und doch laufen sie über weite Strecken aneinander vorbei. Nur selten gelingt ihm eine szenische schlüssige Verbindung: Etwa wenn der kraftstrotzende Achill (von Anne Rietmeijer ganz wunderbar als Bodybuilding-Champion gegeben) von einer Welt in die andere zu fallen scheint. Oder wenn Bernd Rademacher als Teil des Chores zunächst den eisernen Willen zu „Schicksal, Leid und Schmerz“ beschwört, nur um kurz darauf als Klytaimnestra den drohenden Tod der Tochter mit einem Ohnmachtsanfall zu betrauern. Immerhin: Euripides behält eindeutig die Oberhand. Nur dank seiner archaischen Wucht kommt der Abend in Fluss.

Dem Regisseur gelingt in Bochum in der Vielstimmigkeit der Stoffe eine virtuose Rollen-Auflösung

Interessanter ist, wie virtuos Pařízek die (Geschlechter-)Rollen auflöst. Auf der von ihm entworfenen Bühne, die eine riesige Bretter- und Spiegelwand zeigt, verschwindet das Ensemble konsequent unter Glatzen, die Figuren werden munter getauscht, die Grenzen zwischen Mann und Frau sind fließend. So muss Jele Brückner, der als Königspaar beherzte Auftritte gelingen, in einer Szene mit sich selber spielen. Konstantin Bühler und Lukas von der Lühe geben den naturgemäß weiblichen Chor mit unnachgiebiger Härte. Star des Abends ist Svetlana Belesova, die ihrer Iphigenie eine Hingabe verleiht, die schaudern und jubeln zugleich lässt. Ihre finale Rettung spart Pařízek aus. Großer Beifall.

Termine: 0234 / 33 33 55 55.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben