Kunst

Peter Paul Rubens: Er kam, sah und nahm

Peter Paul Rubens’ „Haupt der Medusa“ (1617)

Peter Paul Rubens’ „Haupt der Medusa“ (1617)

Foto: Kunsthistorisches Museum, Wien

Frankfurt/M.  Das Mal-Genie klaute ungeniert in der Antike und bei Zeitgenossen. Dies zeigt das Frankfurter Städel mit der Ausstellung „Kraft der Verwandlung“

Da kann dieser Rubens aber von Glück reden, dass er sich für ausgezogene Männer und Frauen gleichermaßen interessiert hat, zumindest als Maler. Sonst wäre es nur eine Frage der Zeit, bis auch der König der Barockmaler eine „#MeToo“-Debatte am Hals hätte. Ohnehin hielt der Mann die menschlichen Leiber seiner Zeit, die ja noch ohne Fitness-Studios auskommen mussten, für viel zu aufgeschwemmt von Speis und Trank — und nahm sich im Zweifelsfall lieber antike Skulpturen zum Vorbild für seine freizügigen Leinwand-Szenen als allzu atmende Atelier-Modelle.

Aus einem Kentauren wurde ein Jesusjüngling

Ob der hochgebildete Patriziersohn und Diplomat Rubens wirklich glaubte, dass all die muskelbepackten Kolosse und formschwellenden Grazien der antiken Tempel dem Durchschnitts-Griechen auf der Straße nachempfunden waren, sei dahingestellt. Vielleicht wollte er ja nur die Unsitten seiner Zeit beklagen. Jedenfalls klaute Rubens ungehemmt in der Antike und machte, so zeigt es nun eine große Ausstellung im Frankfurter Städel, aus dem Körper eines wolllüstigen, mühsam gezähmten Kentauren einen edel leidenden Jesusjüngling. Oder er nahm eine kauernde Venus-Skulptur aus der Antike und malte sie mal als „Frierende Venus“ vor dem Bade, mal als „Trauernde Venus“, die einem ebenso modellathletisch wie nackt hingestreckten Adonis das kühne Kinn streichelt.

In Frankfurt arbeitet das Städel Rubens’ „Kraft der Verwandlung“ mit Gegenüberstellungen heraus. Diese Kraft richtete der Maler nicht nur auf Antikes: Beim Zeitgenossen Caravaggio sah Rubens die krasse Dramatisierung, bei Tizian nahm er den schmelzenden Farbauftrag. Und niemand empfand das als Diebstahl, es war Teil eines künstlerischen Überbietungswettbewerbs, zu dessen Spielregeln es gehörte, dass man sogar erkennen sollte, wer da überboten werden sollte in der Anverwandlung.

Ein genialer Malerei-Unternehmer

Bei seinen Rom-Aufenthalten fertigte Rubens Hunderte Skizzen antiker Skulpturen an; die Zeichnungen, die Hilfsarbeiten waren, nahm der Maler Mal um Mal als Vorlage für seine Gemälde. Zusammen mit den zahllosen Zeichnungen, die er von anderen kaufte, ergab das einen Schatz, den Rubens auch nach seinem Tod erst dann versteigert wissen wollte, wenn klar war, dass weder seine Söhne noch die Schwiegersöhne Maler werden würden.

Rubens, das streift die Frankfurter Schau (die als Frucht einer Gemeinschaftsarbeit zuvor, etwas anders im Kunsthistorischen Museum Wien zu sehen war), reichte es nicht, ein genialer Maler zu sein. Er wurde ein genialer Malerei-Unternehmer, der am Ende nur noch (wiederum geniale) Ölskizzen auf Leinwände tupfte, die von sechs bis acht Gesellen ausgemalt wurden; Rubens begab sich nur noch für ein (nicht immer geniales) Finish an die Staffelei. Das unerhört wirklichkeitsgetreu abgeschlagene „Haupt der Medusa“ etwa, zwischen Salamander, Spinnen und Skorpion, ist umschlängelt von Dutzenden atemberaubend genau gemalter Schlangen – die überließ er dem Bruegel-Schüler Frans Snyders, der als Weltmeister der Tierdarstellungen galt. Wahre Größe kennt ihre Grenzen.

Unfreiwilliger Realismus

Selbstverständlich waren all die mythologischen Sujets aus Antike und Bibel nur ein Vorwand für Erotik auf Leinwänden, die sonst nicht möglich gewesen wäre. Was für Rubens indes auch die Gelegenheit war, seine Maler-Muskeln spielen zu lassen: Niemand konnte die menschliche Haut zwischen Leichenblässe und schamvollem Erröten so durchschimmernd, so durchblutet, so lebensecht malen wie Rubens. Das rang selbst Johann Heinrich Winckelmann, als Übervater des Klassizismus ein Verächter des Barock, Hochachtung ab. „Wobei die Orangenhaut, die manche auf Rubens-Bilder zu erkennen glauben, nur das Ergebnis schlechter Restaurierungsversuche ist“, sagt Jochen Sander, der Chefkurator für Alte Malerei am Städel, „da ist man dann zu warm an die Bilder herangegangen.“ Womit Rubens dann endgültig einer neuen Stilrichtung zuzuordnen wäre: Unfreiwilliger Realismus.

Die Ausstellung

„Kraft der Verwandlung“, Städel-Museum Frankfurt (Dürerstraße 2), bis 21. Mai. Die geschickte Inszenierung und die These der Ausstellung lassen die gerade mal 31 Gemälde und 23 Zeichnungen von Rubens, die aus den renommiertesten Museen der Welt zusammengeliehen wurden, wie eine üppige Fülle wirken.

Geöffnet: Di/Mi/Sa/So 10-18 Uhr, Do/Fr 10-21 Uhr. Eintritt: 14 Euro, erm. 12 Euro, an Feiertagen 16 Euro. Familien: 24 Euro.

Kartenvorverkauf unter www.tickets.staedlmuseum.de. Der gute Katalog (Hirmer, 312 S., 340 farb. Abb.) kostet 39,90 €, ein Ausstellungsheft 7,50 €.

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