Musik

Orgeln als Weltkulturerbe – hergestellt in Kevelaer

Oh Maria hilf! Zigtausende Pfeifen – die Seifert-Orgel in der Marienbasilika Kevelaer.

Oh Maria hilf! Zigtausende Pfeifen – die Seifert-Orgel in der Marienbasilika Kevelaer.

Foto: Hundertmarck

Kevelaer.  Die Unesco hat die deutsche Orgellandschaft als immaterielles Kulturerbe anerkannt – Orgelbauer Romanus Seifert erklärt, was das Besondere ist.

Wenn die Orgel die Königin der Instrumente ist, dann ist Deutschland ihr Königreich. Und die Welt hat dies anerkannt – jedenfalls die Unesco, die im jetzt die deutsche Orgellandschaft samt Baukunst und Musik in ihre Liste des repräsentativen, immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen hat, Für Romanus Seifert ist die Orgel auch ein privates Erbe. In fünfter Generation führt er einen Orgelbaubetrieb in Kevelaer.

Wieviele Orgelbaubetriebe gibt es denn in Deutschland? Sind Sie da einer der großen?

Es gibt insgesamt rund 400 Orgelbauer in Deutschland. Beim Großteil handelt es sich jedoch um kleinere Werkstätten mit Chef und eventuell einem Mitarbeiter oder Auszubildenden. Die Zahl der größere Werkstätten mit mehr als zehn Mitarbeitern liegt bei rund 50. Bei uns, hier in Kevelaer, sind es 27 Orgelbauer. Es gibt aber auch Firmen, die haben 50 oder 70 Mitarbeiter und arbeiten viel im Ausland. Mir liegt das nicht so; denn es dauert in etwa anderthalb Jahre bis eine Orgel fertig ist. In dieser Zeit baue ich eine intensive Beziehung zu dem Instrument und den Menschen, die dahinter stehen, auf. Da ist es einfach schön, wenn man im Kontakt bleiben kann. Das ist schwierig, wenn ich Instrumente nach China, Korea oder Japan liefere.

Das heißt, Sie bauen Orgeln für die Region?

Nicht nur: wir haben schon Anfragen aus ganz Deutschland. Und schauen Sie, in meiner Generation hat unsere Werkstatt schon neue Instrumente ganz im Norden in Laboe, oben an der Ostsee, aber auch weit im Süden, in Pfronten im Allgäu, gebaut. Im Advent haben wir unsere jüngste Orgel in Freckenhorst (bei Warendorf) geweiht, momentan arbeiten wir an einer Orgel für Bonn-Bad Godesberg. Demnächst sind wir in Papenburg an der Ems, dann in Morsbach bei Siegen im Bergischen Land.

Das heißt: Orgeln sind immer noch nachgefragt. Man denkt immer: Kirchen sind finanziell in der Krise – und damit auch der Orgelbau.

Das hängt so nicht direkt miteinander zusammen. Eine Orgel wird nicht aus Kirchensteuermitteln bezahlt. So etwas wird immer getragen vom Engagement der Menschen vor Ort. Das hängt an deren Ehrgeiz, denn das Geld muss immer separat zusammengetragen werden. Ich habe großen Respekt vor dieser Leistung und diesem Engagement.

Das heißt: die Menschen gründen einen Orgelbauverein, kommen dann zu Ihnen und sagen: Bau uns mal eine Orgel?

Sie kommen ja leider nicht immer direkt zu uns, sondern da gibt es zuerst einen Wettbewerb, den wir zuerst einmal gewinnen müssen.

Was macht denn eine gute Orgel aus?

Sie muss begeistern! Zuhörer und Interpret. Da gibt es viele Faktoren: Zunächst ist da natürlich der Klang: er muss einen Weg ins Herz der Zuhörer finden, um unsere Sinne, unser Empfinden anzusprechen. Es geht weiter über Spielart, die Trakturen: wie fühlt sich das Spielen der Tasten für den Organisten, die Organistin an: kann hier eine Verbindung geschaffen werden? Kein Instrument ist so groß und hat eine solche Spanne von Klangfarben und Lautstärke wie die Orgel; da muss ich als Orgelbauer mich schon anstrengen, dass ich die selbe Intimität zwischen Instrument und Interpret erreichen kann, wie es bei allen kleineren Instrumenten scheinbar ganz selbstverständlich ist.

Geht es um Qualität? Geht es ums Aussehen? Entscheidet der Preis?

Wir überlegen uns ein Konzept, das die Wünsche des Auftraggebers bestmöglich umsetzt und zugleich die Anforderungen für ein ideales Funktionieren der Orgel garantiert. Das beraten wir mit den begleitenden kirchlichen Orgelsachverständigen und den Auftraggebern. Dann gibt es Vorschläge und Gegenvorschläge. Es geht immer auch darum: Eine Orgel ja auch eine große Maschine.

Damit stehe ich vor der Frage: Wie organisiere ich das Instrument? Damit die Pfeifen gut klingen, eine große Aussprachemöglichkeit haben, muss ich sie – wie einen Chor – möglichst breit aufstellen. Ich habe aber auch ein mechanisches Instrument, das heißt, ich brauche möglichst kurze Wege vom Spieltisch zu den Ventilen, damit ich den Wind gut freigeben kann und eine angenehme Spielart habe.

Ich brauche dann eine großvolumige Windanlage, damit genug Reservoir da ist, damit die Orgel klingt. Ich muss schauen, wie der Platz ist, denn die Raumhöhe ist oft genug ein Problem. Und dann brauche ich noch Platz für den Kirchenchor. Wie packe ich jetzt die Orgel in welches Kleid? Will ich eine eher zeitgenössische Formensprache oder eher etwas Klassisches? Also: Es immer eine Herausforderung, die richtige Orgel für jede Kirche zu entwerfen.

Sie haben es angesprochen: Die deutsche Orgellandschaft unterscheidet sich also von der in anderen Ländern. Was zeichnet dieses immaterielle Weltkulturerbe aus?

Die Orgellandschaft ist vielleicht insofern typisch deutsch, dass sie so unterschiedlich ist. Wenn Sie sich Kochbücher anschauen, hat die bayrische Küche mit der in Norddeutschland nicht viel gemeinsam. Ähnlich ist es bei der Musik und bei den verschiedenen Stilen. In Bayern haben Sie Kirchenbauten mit zwei Emporen übereinander und wir haben norddeutsche Backsteinkirchen. Ähnlich ist es mit der Art der Orgeln und ihrer Musikalität. In Süddeutschland haben Sie die Habsburgische Tradition, dazu der italienische Einfluss. In Norddeutschland orientierte man sich häufiger nach Skandinavien, gerade in der barocken Blütezeit des Orgelbaus. Hier im Rheinland haben sich die europäischen Grenzen ohnehin dauernd verschoben, wir haben hier viele unterschiedliche Musiktraditionen mitbekommen.

Wenn man Ihnen eine Orgel vorspielt: Erkennen Sie, wo sie herkommt?

Die Orgeln haben schon einen gewissen Dialekt. Auch, wenn Register gleich benannt sind, haben sie oft eine bestimmte Klangfarbe und die kann man gut unterscheiden.

Ihr Unternehmen hat mit fünf Generationen Orgelbau im Rücken. Wie sieht Ihr Erbe aus, Ihr Erfahrungsschatz?

Der wächst jeden Tag. Leider komme ich selbst nicht mehr dazu, am Instrument zu arbeiten, aber meine Mitarbeiter. Das ist schon die erweiterte Familie, kann man so sagen. Und da werden gerne Erfahrungen und Tipps untereinander weitergeben. Das ist schon ein tolles Erbe und ein lebendiger Erfahrungsschatz, wenn Sie an Pfeifen arbeiten, die mein Ur-Urgroßvater vor über 100 Jahren mal intoniert hat. Und das lebt dann eben fort; da können wir auch heute Anleihen nehmen und Inspiration raus schöpfen. Es tut sicher gut, wenn man einen solchen Hintergrund hat. Denn es gab und gibt auch immer Menschen, die alles anders gemacht haben wollen als bisher; das war besonders in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg so. Glücklichweise ist man da heute entspannter und gibt Orgeln aus jeder historischen Epoche ihren Platz. Davon profitieren wir heute, weil in vielen Gemeinden erst jetzt der Wunsch entsteht oder das Geld da ist, Ihre Orgel gründlich instand zu setzen.

Das heißt, es gab viele Behelfslösungen?

Beides. Es gab neue Ansätze, aber es gab auch viele Ersatzlösungen, die heute nicht mehr befriedigen.

Haben Sie eine Lieblingsorgel?

Nein. Man hat ja auch kein Lieblingskind. Jede Orgel ist unterschiedlich und hat Eigenarten. Aber es gibt herausragende Orgelbauprojekte an herausragenden Orten. So haben wir an der Orgel für den Dom in Speyer fast sechs Jahre gearbeitet haben. Für uns ist natürlich die Orgel der Kevelaerer Marienbasilika etwas ganz Besonderes, auch wegen der Nähe.

Was macht die Kevelaerer Orgel einmalig? Ist das die Größe?

Damals, 1907, hatte Kevelaer 4000 Einwohner. Und hier entstand die größte Orgel des deutschen Kaiserreichs. Das ist schon ein ganz besonderer Schatz: nicht aber wegen der reinen Größe, sondern wegen des einzigartigen Klanges. Sie ist das Abbild eines ganz großen Sinfonieorchesters, wo sie ganz viele verschiedene Farben haben, die dann in jeder Facette ausgeformt sind. Damit können Sie ganz tolle Musik machen, ganz viele Stimmungen ausdrücken und natürlich auch kräftig und Laut sein. Wobei die Orgel ein ganz angenehmes Crescendo hat; die Lautstärke baut sich ganz behutsam auf und der Klang wird nie schreiend und bleibt immer tragend.

Was muss ein guter Orgelbauer mitbringen? Handwerk, Musikalität, Religiosität – und kaufmännisches Talent?

Bleiben wir mal auf dem Teppich. Wenn wir jemanden finden, der musikalisch ist und handwerklich geschickt, dann sind wir schon in der engen Auswahl. Das braucht man, den Rest lernt man dann. Wir finden immerhin jedes Jahr ein- bis zwei Auszubildene.

Wie war das bei Ihnen? Die Tradition? Der innere Antrieb? Der angenehme Geruch von Leim und Holz?

Ich habe sehr früh vieles von meinem Großvater gelernt, das war vor allem die Neugierde. Direkt nach der Schule, habe dann zwei Jahre bei einem anderen Orgelbauer in Österreich gelernt, das war für mich auch ganz wichtig. Es ist eine wirklich schöne Arbeit. Es hat mit Musik zu tun, Sie haben Metallbearbeitung, Sie haben Elektrik, Sie bauen schöne Gehäuse und Sie haben eine sehr handwerkliche und qualitativ hochwertige Ausbildung im Holzbau. Sie bauen eben jeden Tag schöne Sachen, das macht einfach Freude. Wir haben in diesem Jahr einen Mitarbeiter verabschiedet, der war 50 Jahre hier; wir sind eine Werkstat, wo man lange bleibt.

Ist das jedesmal ein Fest, wenn ein Instrument fertig ist?

Das ist insofern ein Fest, weil ich dann eine Rechnung schreiben darf. Nein im Ernst: Wenn in der Kirche alles steht und zum Klingen gebracht wird, wird es spannend. Erst vor Orgel habe ich die Akustik des Kirchenraums und somit die Möglichkeit, die Klänge zueinander zu mischen. Wenn eine Orgel 20 Register hat, ist das wie ein Chor mit 20 Sängern. Da habe ich viele in der gleichen Frequenzlage, aber jede Stimme hat ihren Charakter. Das ist wie bei Gewürzen, die muss ich auch miteinander mischen. Das kann ich erst, wenn ich in der Kirche bin.

Wie lange arbeiten Sie an der Orgel hier und wie lange dann noch vor Ort in der Kirche?

Hier in der Werkstatt arbeiten wir zwischen neun Monaten und einem Jahr an der Orgel. Die Montage vor Ort dauert meist vier bis fünf Wochen. Dann kommt die Technik und dann die Intonation – und die dauert, abhängig vom Instrument, zwischen zwei und vier Monaten.

So lange?

Sie müssen jede Pfeife immer wieder in die Hand nehmen. Und das sind eben sehr viele: meistens haben wir 56 Tasten im Manual und 30 im Pedal. Und in jedem Register gibt es in der Regel eine Pfeife pro Ton, bei 20 Registern haben Sie da schnell mehr als tausend Pfeifen. Und die Pfeifen so zu bearbeiten, dass ich vom tiefen C bis zum g3 hoch einen durchgehenden Verlauf habe, dauert. Ich muss ja als Orgelbauer vor Ort dann auch hören, wie bzw. wo hilft mir der Raum und wo eher nicht; hier muss ich dann selbst dem Klang an der Pfeife nachhelfen.

Klaviere stimmen scheint dagegen trivial. Klingt, als ob Sie Mitarbeiter mit sehr spitzen Ohren brauchen.

Sie müssen zwischen Stimmen und Intonieren unterscheiden. Stimmen ist relativ einfach, gerade bei der Orgel. Sie haben reine Oktaven und hören, wenn der Klang wabert. Und wenn Sie in die richtige Richtung stimmen, schwingt das Wabern langsamer. Intonieren jedoch heißt: einen Klangcharakter finden. Physikalisch gesprochen: Wie ist der Teiltonaufbau? Von der Ansprache der Pfeife: Hat sie ein Spucken drin? Hat sie Nebengeräusche? Macht der Klang mehr a, o oder u? Das kann man alles ausformen. Und das machen dann unsere musikalischsten Mitarbeiter.

Gibt es elektronische Hilfsmittel?

Es gibt Messgeräte, ja. Die kann man zu Anfang zum Stimmen nehmen, das hilft. Aber dann müssen Sie doch hinhören. Es scheint physikalisch alles gut zu sein, aber wenn Sie dann vier Oktaven greifen, passt es nicht. Die Arbeit mit dem Ohr ist besser, aber anstrengend.

Wie sieht für Sie und den Orgelbau die Zukunft aus?

Ich habe die Hoffnung, dass es noch lange Zeit weitergeht. Wir sind heute unter dem Niveau von vor zehn oder 15 Jahren. In den letzten zehn bis 15 Jahren hat sich die Zahl der Beschäftigten im Orgelbau von etwa 3000 auf 1800 Beschäftigte fast halbiert. Das hat sicherlich auch mit dem Sondereffekt der Deutschen Einheit zu tun, dort gab es erst einmal großen Nachholbedarf. Doch die Wertschätzung für Orgelmusik und für klassische Musik allgemein wird leider nicht größer. Vor hundert Jahren hatten viele Haushalte ein Harmonium, später war es ein Klavier und heute, wenn wir Glück haben, ist es noch ein Keyboard. Nicht nur zu Klimpern, sondern wirklich ein Instrument zu erlernen, bleibt leider heute oft auf der Strecke, weil der Umgang mit Computern oder Naturwissenschaften wichtiger scheinen.

Und wie sieht Ihre Auftragsliste dann aus?

Für die nächsten zwei Jahre haben wir die Auftragsbücher voll, was Großprojekte und neue Orgeln angeht. Aber es gibt ja auch noch einen weiteren Arbeitsbereich: da geht es um Stimmung, Wartung, Pflege. Es gibt rund 600 Instrumente, die wir jährlich betreuen. Wie jedes Musikinstrument verstimmt sich auch eine Orgel, dazu kommt die Technik, die gewartet werden muss. Zudem werden Orgeln auch dreckig. Deswegen baut man sie etwa alle 20 Jahre auseinander, säubert die Pfeifen, erneuert die Technik, repariert alles und baut das Instrument dann wieder zusammen.

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