Rock

Noel Gallagher fühlt sich „so frei wie nie“

Fast entspannt im Hier und Jetzt – außer, wenn man ihn auf seinen Bruder Liam anspricht: Noel Gallagher.

Fast entspannt im Hier und Jetzt – außer, wenn man ihn auf seinen Bruder Liam anspricht: Noel Gallagher.

Foto: HO

.   Der ehemalige Oasis-Kopf und seine Band überraschen mit dem neuen Album. „Who Built The Moon?“ klingt kaum nach Britpop, aber nach Soul und Elektro

Ein erstaunliches Album, das der ehemalige Frontmann von Oasis mit dem DJ und Soundtrack-Fachmann David Holmes da aufgenommen hat: .„Who Built The Moon?“ Noel Gallagher ist überzeugt: „Solch ein Album wäre mit Oasis niemals möglich gewesen. In hundert Jahren nicht. Ich kann mir das Genörgel und den Widerstand bildlich vorstellen.“ Aber Oasis gibt es ja nicht mehr. Die erfolgreichste Band, die der Britpop Mitte der Neunziger hervorgebracht hat und deren große Hits wie „Wonderwall“ ohne Ausnahme von Gitarrist Noel geschrieben wurden, endete 2009 abrupt nach einem Streit zwischen Noel und seinem jüngeren Bruder Liam, dem Sänger. „Seitdem bin ich der Meister meines eigenen Schicksals, was unheimlich geil ist. Ich muss mir keine Sorgen mehr um das Verhältnis innerhalb der Band machen, ich muss musikalisch keine Rücksicht mehr nehmen. Ich fühle mich heute so frei und leicht und glücklich wie noch nie.“

So tobt sich Noel Gallagher, mittlerweile 50, auf „Who Built The Moon?“ gründlich aus. Den klassischen Britpop hat er weitgehend hinter sich gelassen. Stattdessen kann man mit dem neuen Gallager-Album ganz neue Dinge anstellen, tanzen etwa. „Ja, das wird schon gehen“, sagt Noel, „aber ich habe es noch nicht ausprobiert. Tanzen ist etwas, das ich niemals tue, in keinem Zustand dieser Welt.“

Drei Jahre lang habe er den Sound der Platte entwickelt, spontan, aus Lust am Ausprobieren. Produzent David Holmes ist vor allem durch Filmsoundtracks wie „Ocean’s Eleven“ bekannt. Elek­tronischer, stärker vom Soul beeinflusst sind die neuen Stücke geworden. „Keep On Reaching“ geht heftig in Richtung grooviger Motown-Soul, inklusive Bläsern, auf „Holy Mountain“ wirkt Gallagher festlich ausgelassen, das Lied sei sein feministisches Manifest, wie er fröhlich erzählt. „Meine Frau verkündete eines Abends, als wir Besuch hatten, feierlich, dass ich ein Feminist sei. Ich glaube, sie hat recht. Ich habe nie über Gleichberechtigung nachgedacht, ich behandele Frauen und Männer immer schon gleich. Im Moment geht es ja wieder heiß her mit dem Sexismus. Verrückt, dass das immer noch so ein Thema ist.“

Auch an die Politik traut sich Noel Gallagher. Während „It’s A Beautiful World“ nach einer Kreuzung aus Krautrock und französischem House klingt, ist der Song inhaltlich die pure Ironie. „Die Welt da draußen ist nicht schön, sie ist voll am Arsch. Wunderbar dagegen ist die Welt daheim, mit meinen Liebsten.“ Gallagher ist seit Jahren geräuschlos verheiratet, er hat zwei Söhne (6 und 10 Jahre alt) sowie die fast erwachsene Tochter Anais aus einer früheren Beziehung, die erfolgreich als Model arbeitet. „Die Kinder sollen machen, was sie wollen, aber sie müssen auf sich aufpassen. Nicht jeder ist für so ein Leben geeignet. Ich habe alles probiert, Drogen, Alkohol, das komplette Programm. Aber für mich war das Spaß und nie ein Problem.“ Das rockig-ravige „Be Careful What You Wish For“ sei ein offener Brief an seine Kinder, eine „Warnung vor dem Ruhm und seinen Begleiterscheinungen.“

Überhaupt nicht vermisst Noel Gallagher seine alte Band, mit der er gegen Mitte der Neunziger das Popgeschehen dominierte. Fragen nach Oasis sind ihm eher lästig: „Ich habe keinen Bock mehr auf Oasis. Eine Wiedervereinigung wird nicht passieren, niemals, mit tausendprozentiger Sicherheit.“ Dass sein Bruder Liam (die beiden erkundigen sich gelegentlich über Bande – „Mutter“ – nach einander) im Oktober sein erstes Solo-Album „As You Were“ veröffentlichte, lässt ihn kalt. „Er hat die Songs ja nicht mal selbst geschrieben“, muffelt Noel. Wird er verfolgen, wer mehr verkauft, wer bessere Kritiken bekommt? Gallagher: „Das ist mir scheißegal. Sagen wir so: Einer von uns beiden wird sehr genau auf diese Statistiken gucken. Der andere hat bessere Dinge zu tun.“

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