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Neu im Kino: „Schwesterlein“ mit Nina Hoss und Lars Eidinger

Film-Geschwister: Lars Eidinger als Sven und Nina Hoss als Lisa.

Film-Geschwister: Lars Eidinger als Sven und Nina Hoss als Lisa.

Foto: - / dpa

„Schwesterlein“ ist Stéphanie Chuats und Véronique Reymonds zweiter gemeinsamer Spielfilm – mit Nina Hoss und Lars Eidinger in den Hauptrollen.

Nachdem sich die Kamera erst dem von Sorge gezeichneten und doch Ruhe ausstrahlenden Gesicht von Lisa angenähert hat, gleitet ihr Blick an deren rechten Arm entlang, um schließlich eine Kanüle zu fixieren, durch die Lisas Blut in einen Beutel läuft. Dann ein fast unmerklicher Schnitt. Schon ist das Blut und mit ihm Stéphanie Chuats und Véronique Reymonds Geschwisterdrama „Schwesterlein“ in einem anderen von Licht durchfluteten Krankenzimmer angekommen. In ihm liegt Sven, Lisas zwei Minuten älterer Zwillingsbruder. Der Starschauspieler ist an Krebs erkrankt und hofft, durch eine Knochenmarktransplantation von seiner Schwester die Krankheit zu besiegen.

Stéphanie Chuats und Véronique Reymonds zweiter gemeinsamer Spielfilm

In diesen ersten Momenten von Stéphanie Chuats und Véronique Reymonds zweitem gemeinsamen Spielfilm verwandelt sich ein ganz alltäglicher medizinischer Prozess, eine Bluttransfusion, in einen fast schon magischen Akt. Der Fluss der Bilder, die wie Blut zu zirkulieren scheinen, löst alles Gewöhnliche auf. Er lässt unterschwellige Verbindungen sinnlich wahrnehmbar werden. Natürlich offenbart sich die Nähe der beiden von Nina Hoss und Lars Eidinger gespielten Geschwister auch in ihrem Verhalten. Aber erst Chuats und Reymonds poetische Filmsprache lässt einen all das erfahren, was sonst kaum wahrnehmbar ist und sich kaum in Worte fassen lässt.

In den oft simplen, aber immer tiefgründigen Bildern, die Kameramann Filip Zumbrunn für das Band zwischen Sven und seinem „Schwesterlein“ findet, schwingen so viele, oft widerstrebende, einen verwirrende Gefühle mit, dass es fast unmöglich ist, sie alle zu benennen. Die tiefe Verbundenheit zwischen Lisa und Sven ist für beide ein Quell der Stärke. In der Extremsituation, die aus Svens Krankheit erwächst, wird sie jedoch auch zu einer Belastung. Liebe und Leid, Schmerz und Euphorie, sind im Spiel von Nina Hoss und Lars Eidinger zwei Seiten einer Medaille. Mit ihren sehr höchst unterschiedlichen Schauspielstilen ergänzen sich die beiden dabei perfekt. Nina Hoss erdet mit ihrer zurückgenommenen, alle Emotionen verinnerlichenden Spielweise Lars Eidingers expressive Ausbrüche.

Lars Eidinger, Star der Berliner Schaubühne, spielt – den Star eben dieses Theaters

Vordergründig betrachtet haben Chuat und Reymond eine Art Schlüsselloch-Melodrama über das deutschsprachige Theater gedreht. Ähnlichkeiten zu realen Personen und Ereignissen sind dabei vollkommen beabsichtigt. Schließlich spielt Lars Eidinger, der große Star der Berliner Schaubühne, den Star eben dieses Theaters. Auch Thomas Ostermeier, der Intendant der Schaubühne, verkörpert quasi sich selbst, auch wenn seine Figur hier David heißt. Wie Eidinger spielt auch Sven Shakespeares Hamlet in einer Inszenierung seines Intendanten, und natürlich stammen die Szenenfotos, die an den Wänden des Theaterfoyers hängen, aus Ostermeiers „Hamlet“.

Aber all diese Querverweise in die Realität sind letztlich nur ein Spiel. Sie regen einen vielleicht dazu an, über Kunst und Moral, Schauspiel und Realität, zu sinnieren. Doch in seinem tiefsten Innern bleibt „Schwesterlein“ eine von klassischen Musikstücken von Felix Mendelssohn, Robert Schumann und Johannes Brahms getragene romantische Phantasie über die Liebe zweier Geschwister, die sich wie Hänsel und Gretel im dichten Wald des Lebens verirren.

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