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Neu im Kino: Richard Linklaters Film „Bernadette“

Cate Blanchett als Bernadette Fox

Cate Blanchett als Bernadette Fox

Foto: Wilson Webb / dpa

Richard Linklater erfindet das Melodram neu: Cate Blanchett ist in seinem neuen Film „Bernadette“ eine Frau, die auf Kurs gebracht werden soll.

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Bernadette Fox kann es nicht fassen. Sie kommt eines Tages nichts ahnend von ein paar Erledigungen zurück nach Hause und wird dort nicht nur von ihrem Ehemann Elgin Branch erwartet. Bei ihm sind noch ein FBI-Agent und eine Psychiaterin, die sie regelrecht überfallen. Es ist das, was man heute wohl eine Intervention nennt, nur unter verschärften Umständen. Bernadettes dem Anschein nach in Indien lebende digitale Assistentin, an die sie einen Großteil ihrer alltäglichen Verpflichtungen delegiert hat, ist in Wahrheit Teil eines russischen Syndikats und hat im Lauf der Zeit sämtliche Daten der Familie gestohlen. Deswegen ist nun ein FBI-Agent in ihrem Haus. Und die Psychiaterin nutzt den Kriminalfall, um Bernadettes Einweisung in eine Klinik zu rechtfertigen. Selbst Elgin hat sie aufgegeben und unterstützt die Ärztin in ihren Plänen.

Die von Cate Blanchett gespielte Architektin stößt ihre Umwelt ständig vor den Kopf

In diesem Augenblick, in dem die einstige Star-Architektin erkennen muss, dass sie vollkommen alleine ist, findet zugleich eine erstaunliche Verwandlung statt. Bis zu jenem Moment gleicht „Bernadette“, Richard Linklaters Verfilmung von Maria Semples Bestsellerroman „Wo steckst du, Bernadette?“, einer leicht schrulligen Komödie. Aber mit Elgins Verrat, der sich schon etwas früher andeutete, wird aus ihr ein modernes Melodrama. Natürlich hat Bernadettes Verhalten etwas Irritierendes. Die von Cate Blanchett gespielte Architektin stößt ihre Umwelt ständig vor den Kopf. Der Kleinkrieg, den sie mit ihren überkorrekten Nachbarinnen führt, ist längst schon aus dem Ruder gelaufen. Und auch ihre Entscheidung, sich ganz und gar auf eine digitale Assistentin zu verlassen, der sie niemals begegnet ist, zeugt nicht gerade von einem guten Urteilsvermögen. Doch all diese Ausrutscher und Schwächen stehen letzten Endes in keinem Verhältnis zu der Reaktion ihres Mannes, den Billy Crudup als typischen Karrieristen der IT-Branche zeichnet.

Die klassischen Melodramen der Filmgeschichte drehten sich fast immer um Frauen. Die einen haben sich für ihre Männer und ihre Kinder aufgeopfert. Die anderen sind nach und nach an den starren Konventionen der Gesellschaft und den Erwartungen ihrer Männer oder auch ihrer Väter zerbrochen. So war das Genre des Melodramas immer auch eine Art Trauergesang auf das Schicksal der Frauen. Und in dem Zuge, in dem sich die westlichen Gesellschaften verändert haben, ist es mehr und mehr aus der Mode gekommen. In Zeiten der Gleichberechtigung scheint es keinen Bedarf mehr an Melodramen zu geben. Aber das ist ein Irrtum, den Richard Linklater mit „Bernadette“ wahrhaft grandios korrigiert.

So viel, wie wir uns selbst einreden, hat sich in den vergangenen 30 oder 40 Jahren nicht verändert. Gut, es mag mittlerweile Quoten für Frauen geben, und ein Teil der Männer mag heute mehr häusliche Pflichten übernehmen. Aber trotzdem gelten immer noch Konventionen und Verhaltensnormen, die eine Frau nicht übertreten darf. Sicher Bernadette ist exzentrisch und vielleicht sogar, wie ihr früherer Mentor und Professor Paul Jellinek (Laurence Fishburne) einmal sagt, „eine Gefahr für die Gesellschaft“. Aber diese Gefahr lässt sich nicht dadurch bannen, dass ihr Mann sie in eine psychiatrische Klinik verbannt. Sie braucht einfach eine Aufgabe, die ihrem Talent und Naturell entspricht. Doch die wurde ihr einst verweigert, und davon hat sie sich nie wirklich erholt.

Richard Linklater zeichnet ein Porträt einer Gesellschaft, deren Freiräume Illusion sind

Auf den ersten Blick wirkt Linklaters Romanadaption ein wenig uneben. Die Wendung ins Melodramatische kommt zumindest in ihrer Radikalität ebenso überraschend wie Bernadettes Entscheidung, Hilfe ausgerechnet bei ihrer größten Widersacherin zu suchen. Aber auch dieser Schritt ist weit mehr als nur eine komödiantische Wendung. Auf wunderbar unaufdringliche Weise zeichnet Richard Linklater ein Porträt einer Gesellschaft, deren Freiräume nur Illusion sind. Nicht zufällig spielt „Bernadette“ in Seattle, einem Zentrum unserer digitalisierten Gegenwart. Elgin ist einer der wichtigsten Köpfe von Microsoft und wirkt mit seinem lässigen Habitus wie der Poster-Boy der schönen neuen Welt des Internets. Doch all die Versprechungen der digitalen Lebens- und Arbeitswelt maskieren nur, dass in ihr nur Platz findet, wer hundertprozentig funktioniert. Wem das wie Bernadette nicht gelingt, der wird mit allen Mitteln auf Kurs gebracht.

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