Film

Neu im Kino: „Bis dann, mein Sohn“ von Wang Xiaoshuai

Szene aus „Bis dann, mein Sohn“ mit Jingchun Wang, Mei Yong und Roy Wang.

Szene aus „Bis dann, mein Sohn“ mit Jingchun Wang, Mei Yong und Roy Wang.

Foto: Dongchun Films

Essen.  Der Film „Bis dann, mein Sohn“ ist mehr als eine Familientragödie. Der Drei-Stunden-Streifen erzählt chinesische Geschichte über drei Jahrzehnte.

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Die Tragik beginnt an einem schönen Sommertag im Süden Chinas. Der 12-jährige Xingxing ertrinkt im Rückhaltebecken eines Staudamms. Sein bester Freund, am gleichen Tag wie er geboren, vermag ihm nicht mehr zu helfen. Dieser Vorfall wird die Familien der beiden Kinder auf Jahrzehnte hinweg entzweien. Denn der Tote wurde in den Achtzigerjahren in einer Welt geboren, in der die Partei auf lange Zeit lediglich ein Kind pro Paar zulassen wollte.

Der international gefeierte chinesische Regisseur Wang Xiaoshuai macht damit schon gleich zu Anfang deutlich, dass sein großes Epos „Bis dann, mein Sohn“ zwar von Familien erzählt, das Politische dabei jedoch stets durchscheinen lässt. Drei Jahrzehnte chinesischen Lebens werden hier in einem gut dreistündigen Film verpackt, der in keiner Minute Langeweile ausstrahlt, weil Xiaoshuai auch immer wieder in den Zeitebenen hin und her springt.

Vom kulturrevolutionären China bis zum rasend schnell aufkommenden Kapitalismus

Mal befindet man sich noch im kulturrevolutionären China, später dann auch im rasend schnell aufkommenden Kapitalismus. Und immer haben diese Umstürze auch Auswirkungen auf die Menschen, gespiegelt in den Familien des Anfangs. Nehmen wir nur Liu Yaojun (Jing-chun Wang) und Wang Liyun (Mei Yong), die Eltern des toten Kindes. Der Zuschauer hat zu diesem Zeitpunkt bereits Kenntnis vom bevorstehenden Unglück, muss aber nun mit ansehen, wie in der Vergangenheit der erneut schwangeren Mutter das zweite Kind abgetrieben wird. Und als ob das noch nicht reichen würde, bekommt sie von der Partei eine Auszeichnung für ihren Einsatz bei der Familienplanung.

Es ist, als sei Regisseur Xiaoshuai mit diesem Film angetreten, die Sünden der Vergangenheit und auch die von heute anzuprangern. Immerhin gibt es auch Szenen, in denen Arbeiter zum Aufstand greifen, weil der Kapitalismus unweigerlich Entlassungen mit sich bringt. Liu und Wang, die Eltern des toten Jungen, sind kurz nach dem Unglück mit einem Adoptivsohn aus der Großstadt in die Provinz gezogen, wo sie einen kleinen Reparaturladen betreiben. Doch die Erinnerung an die Freunde von einst und das Zerwürfnis mit ihnen, ist immer noch vorhanden. Genau wie bei Li Haiyan (Ai Liya) und Shen Yingming (Xu Cheng), die weiter an ihrer Schuld nagen. Es bräuchte eigentlich nur eines Anlasses, und schon läge man sich vermutlich in den Armen

Die riesige Mao-Statue ist verdeckt von einer „Victory“-Shoppingmall

Den Anlass gibt es tatsächlich, er ist traurig: Bei Li wurde ein Tumor festgestellt, das Wiedersehen wird für sie auch das Letzte sein. Allein aus der Anreise von Liu und Wang macht Xiaoshuai ein Statement zur Gegenwart. Während die beiden im Taxi sitzen, betrachten sie die alte Heimat, die sie kaum wiedererkennen. Das ehemalige Arbeiterwohnheim ist heruntergekommen. Und die riesige Mao-Statue ist verdeckt von einer „Victory“-Shoppingmall.

Dies ist ein Film aus China, voll von berührenden Momenten, von Einsicht in ein sich wandelndes Land und von wunderbaren Schauspielern. Die drei Stunden Spielzeit sind dafür ein Geschenk. Um mit der Botschaft des Regisseurs zu schließen: „Man lebt nur einmal. Aber manchmal kann es ein ganzes Leben dauern, um zu vergessen oder Abschied zu nehmen.“

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