Duisburger Akzente

Navid Kermani wirft einen scharfen Blick nach Osten

Der in Siegen geborene Navid Kermani war im Auftrg des Magazins „Der Spiegel“ auf einer Reise, die bis nach Isfahen geführt hat.

Der in Siegen geborene Navid Kermani war im Auftrg des Magazins „Der Spiegel“ auf einer Reise, die bis nach Isfahen geführt hat.

Foto: Bogenberger

Duisburg.   Der Schriftsteller liest im Rahmen der Duisburger Akzente in der Zentralbibliothek aus seinem jüngsten Buch „Entlang der Gräben“.

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Navid Kermani wird derzeit als eine der bedeutendsten Stimmen des intellektuellen Lebens in Deutschland gewürdigt. Der 1971 in Siegen in eine aus dem Iran stammende Mediziner-Familie geborene Schriftsteller und habilitierte Orientalist, der für sein Werk unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und dem Staatspreis des Landes NRW geehrt wurde, war jetzt mit einer Lesung aus seinem aktuellen Reportagen-Buch „Entlang den Gräben“ bei den Akzenten in der ausverkauften Stadtbibliothek zu Gast. Es moderierte WDR-Hörfunk-Journalist David Eisermann.

Kermani unternahm eine Reise im Auftrag des „Spiegel“, die östlich von Deutschland begann und die sich bis zum Orient nach Isfahan erstreckte, wo der kalte Krieg längst nicht zu Ende ist. Der Weg führte durch Polen, Weißrussland, durch die Ukraine, über die Krim, durch den Kaukasus bis in den Iran. Entlang der Gräben, die in Europa immer wieder aufbrechen. Diese eigentlich kaum zu bewältigende Strecke umfasst in seinem spannend zu lesenden Buch eine Route von nur 54 Tagen auf der Suche nach den historischen und politischen Dimensionen dieser für uns meist unbekannten Regionen.

Die Orte im Osten lagen jenseits unseres Horizonts

„Wir sind hier mit einem vollständigen Blick auf den Westen aufgewachsen. Dass die Orte im Osten aber eigentlich voller deutscher Geschichte sind, dies lag jenseits unseres Horizonts. Ich wusste früher mehr von Managua als von Dresden.“ Wenn auf dem Markt in Vilnius Obst aus Moldawien statt aus Marokko liege, dann erweitere sich für den Reisenden bereits dieser Horizont.

Kermanis erste Reise-Etappe führte nach Litauen. In der Stadt Kaunas seien während des Krieges von den rund 100 000 Einwohnern 30 000 jüdische Bürger ermordet worden. „Gäbe es hier Stolpersteine für jeden ermordeten Juden, so wäre die Stadt aus Gold.“ Während man heute in den Baltischen Staaten eher nach Westen als nach Osten blicke – begrüßte man hier einst zunächst den Einzug der Wehrmacht als Befreiung von der Roten Armee – hält sich die Sehnsucht in Weißrussland nach Europa in Grenzen. Über 70 Jahre nach dem Krieg fühle man sich hier immer noch als duldsame und arme Nachkriegsmenschen. Das begehrteste und billigste Lebensmittel sei der Wodka: „Die Flaschen haben keinen Schraubverschluss. Sind sie einmal geöffnet, werden sie auch ausgetrunken.“

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