Kino

„Nationalstraße“ im Kino: Jaroslav Rudis Roman als Film

Hynek Cermák (l) als Vandam und Jan Cina als sein Freund Psycho in einer Szene des Films „Nationalstraße“.

Hynek Cermák (l) als Vandam und Jan Cina als sein Freund Psycho in einer Szene des Films „Nationalstraße“.

Foto: Foto: dpa

Essen.  Bittere Biographie, gewürzt mit einer guten Prise schwarzen Humors: Der Film „Nationalstraße“ kommt diese Woche in die deutschen Kinos.

Frieden ist nur die Pause zwischen zwei Kriegen, da ist sich Vandam absolut sicher. Der Mann mit der Glatze, der jeden Morgen 200 Liegestütz pumpt, mimt den Sheriff im Viertel, indem er jedem Prügel androht, dessen Nase ihm nicht passt oder weil er es wagte, mit Lucka (Katerina Janeckova) zu poussieren, die die einzige Kneipe im Karree führt.

Später am Abend lässt Vandam sich feiern als den Helden der samtenen Revolution, weil er 1989, den ersten Schlag ausführte. Wie das damals genau ablief und wer auf wen eindrosch, haben die meisten vergessen. Einige erinnern sich noch, dass Vandam bei der Polizei war und dort buchstäblich rausgeworfen wurde.

Stepan Altrichter verfilmte den Roman „Nationalstraße“, ab diese Woche im Kino

Jetzt ist er fast 50, trinkt gerne Bier und schielt immer noch Lucka hinterher. Als die in böse Geldschwierigkeiten gerät und ihre Kneipe zu verlieren droht, sieht Vandam seine Chance zur Bewährung gekommen. Ab diesem Moment schleichen sich bittere Züge in diese Verfilmung des gleichnamigen Romans von Jaroslav Rudis, der mit diesem Porträt eines am Leben Gescheiterten in „Nationalstraße“ ein tschechisches Gegenstück zu „Trainspotting“ schuf. Aber während die schottischen Jungmänner bei Irvine Welsh einem leeren Spaßverständnis zwischen Drogen, Bier und Schlägereien folgen, ist Vandam aus der Prager Plattenbau-Vorstadt ein Getriebener, der sich um Ruhm und Ehre brachte, weil er auf der falschen Seite stand, und seither einer Erlösung nachjagt, die ihm nur er selbst gewähren kann.

Hynek Cermák spielt diesen Antihelden als Kraftknubbel im Dauerzustand nur mühsam zu unterdrückender Wut und Eigenfrustration; ein Straßenbengel, der das Kinn immer ein bisschen tief nimmt, um gegen die Angriffe gewappnet zu sein, die er doch selbst provoziert. Mit dem bulligen Gang sucht Cermák die Nähe zu James Cagney und Spencer Tracy, die im Hollywood der 1930er Jahre ganz ähnliche Typen verkörperten, die kaum Hoffnung auf ein glückliches Ende hegen durften.

Regisseur Stepan Altrichter inszenierte in Koproduktion mit deutschem Fernsehgeld (Arte und ZDF – Das kleine Fernsehspiel) eine brachiale Milieustudie, die Wohnhaustristesse in nüchternen Panoramen und Neon-sterilen Innenaufnahmen einfängt und sich dennoch jeglichem Sozialmitleid verweigert.

„Nationalstraße“ ist eine kritische Studie mit einer guten Prise schwarzen Humors

Das radikale Selbstverständnis der Hauptfigur, das zarte Buhlen um Liebe und Selbstachtung, das unversehens in brutaler Gewalt explodieren kann, entfaltet auch dank einer nicht unbeträchtlichen Prise schwarzen Humors ein Feuerwerk der irrlichternden Emotionen, vor denen hiesige Produktionen sich oft genug verschreckt wegducken, weil Filme nicht zu weh tun sollten.

Bei internationalen Koproduktionen wie dieser traut man sich schon mal aus der Deckung heraus, aber die Lorbeeren für Wucht und Wagnis, sie gehören doch allein dem Filmemacher aus Prag.

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