Geschichte

Napoleon war nicht klein – und hatte auch keinen Komplex

Napoleon Bonaparte (1769-1821), wie Jacques Louis David ihn malte – bei der Alpenüberquerung.

Napoleon Bonaparte (1769-1821), wie Jacques Louis David ihn malte – bei der Alpenüberquerung.

Foto: GR / ullstein bild

Essen.  Napoleon war Propaganda-Genei und Schriftsteller. Zerrieben wurde er im Krieg zwischen Adels- und Volksherrschaft: Vor 250 Jahren kam er zur Welt

In der Militärschule, wo der struppige Junge aus Korsika erst einmal Französisch lernen musste, nannten sie ihn noch „Nasenpopel“, weil er so klein war. Wenige Jahre später aber sollte er einen Großteil Europas regieren. Und das als erster moderner Herrscher: Um ihn herum, unter Namen wie Joseph II. oder Friedrich Wilhelm III., lauter historisches Mittelmaß im Deckmantel des Gottesgnadentums, das er durch seinen Aufstieg zum Kaiser aus eigener Kraft als steindumme Ideologie entlarvt. Und mit seinen 1,68 Metern war Napoleon für seine Zeit überhaupt nicht klein, vielmehr auf Augenhöhe mit Goethe. Neben den 1,60 Metern von Friedrich II., den sie den „Großen“ nannten, war er gar ein Riese.

Dass man auch den erwachsenen Napoleon trotzdem für klein hielt, lag möglicherweise an seiner gedrungenen Figur unter dem unverhältnismäßig großen Kopf; es lag auch an der englischen Propaganda, die ihn als „little Boney“ zu verspotten pflegte – und an seinem Talent zur Selbstvermarktung: Damit sich die Soldaten seiner Armeen mit ihm identifizieren, tritt er auf dem Schlachtfeld als einer von ihnen auf, im grauen Mantel, schlichter Uniform. Der 13-jährige Heinrich Heine erspähte bei Napoleons Einzug in Düsseldorf eine „scheinlose grüne Uniform und das kleine welthistorische Hütchen“, jenen berühmten Zweispitz, von dem er sich alljährlich zwei Exemplare aus Biberfell anfertigen lässt; anders als üblich trägt er sein Markenzeichen allerdings nicht längs, sondern quer auf dem Kopf.

Bücherfresser aus Einsamkeit, grundgebildet

Was begünstigt seine Karriere? Ein phänomenales Gedächtnis, ungewöhnlich große Konzentrationsfähigkeit und Fantasie, Begabung für Mathematik, eine umfassende Bildung. Der notorische Frühaufsteher (nicht selten um 4 Uhr!) und besessene Zeitungsleser vertreibt sich die auffällige Einsamkeit auf der Militärschule als bester Kunde der Bibliothek, bald kennt er die antiken Klassiker (Caesar!) genauso wie die zeitgenössischen Aufklärer Rousseau und Voltaire. Und macht sich pausenlos Notizen. Den Deutschen Goethe wird er später bei einem Treffen in Erfurt über einen logischen Fehler in dessen „Leiden des jungen Werthers“ belehren.

Napoleon schreibt auch selber gern. Philosophierende Aufsätze (etwa „Über den Selbstmord“), ein Melodram, Fabeln und Novellen, einen Liebesroman mit tragischem Ende gar. Sein stilistisches Talent lässt Regierungs-Proklamationen und Armeebulletins zu literarischen Ereignissen werden, die Generationen von französischen Schülern beschäftigen werden. Vom vielen Lesen wurde Napoleon sogar kurzsichtig, er brauchte seine Brille fast noch mehr als seine täglichen Bonbon- und Schnupftabak-Rationen. Manche vermuten gar, der berühmteste offene Jackenschlitz der Geschichte verbirgt eine Hand, die nach der Brille greift...

Die richtige Entscheidung – für die Kanonen

Vor allem aber entscheidet sich Napoleon für die Waffengattung, der die Zukunft gehört: Vom einfachen Kanonier steigt er auf zum Artilleriegeneral, der zur Not immer noch in der Lage wäre, Geschützrohre und Kanonen selbst zu gießen. Kaum einer berechnet Flugbahnen präziser, und es dauert lange, bis die Gegner begreifen, dass er es besser als andere versteht, die Artillerie zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu haben – weil er Gelände exakt studiert.

Napoleon gelingt es 1799, am 18. Brumaire des Revolutionskalenders, mit einem Staatsstreich den endlosen Taumel aus Aufständen und Intrigen zu stoppen, der nach der Französischen Revolution einsetzte: „Bürger! Die Revolution ist zu den Grundsätzen zurückgekehrt, von denen sie ausging; sie ist zu Ende“, heißt es in seiner Proklamation der neuen Verfassung.

Ihm fehlte die Utopie, er war getrieben von Sucht nach Stärke

Den „Code Civil“, Vorbild des Bürgerlichen Gesetzbuchs, schreibt Napoleon zwar nicht selbst, aber er nimmt an vielen Sitzungen teil, in denen er entsteht, und verblüfft die Juristen mit seinen Kenntnissen des Römischen Rechts. Frankreich ist mit seinen Regionen, Departements und Gemeinden bis heute so gegliedert, wie Napoleon es entworfen hat. Wichtiger aber ist, dass er seinem „Code Civil“ in halb Europa Gültigkeit verschafft. Das bringt rückständigen Weltgegenden wie dem Rheinland einen ungeahnten Modernisierungsschub, mit wirtschaftlichen Folgen, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts reichen. Und er besiegelt das Ende der verrotteten feudalabsolutistischen Herrschaftsstrukturen.

Jedenfalls bis 1815, bis die Schlacht bei Waterloo Napoleons Untergang besiegelt. Denn letztlich verdankt sich sein einzigartiger Feldzug quer durch Europa dem letzten Religionskrieg des Kontinents, dem Kampf zwischen alten Europa und den modernen Ideen der Revolution, so betont es der Historiker und Frankreichkenner Günter Müchler in seiner epochalen Napoleon-Biografie. Nur: Napoleon hatte keine Utopie, keine Vorstellung davon, wo er hinwollte. Wenn er in seinen Memoiren von einem „Europa der Nationen“ schrieb, war das eine nachträgliche Projektion. Er war stets getrieben von der Sorge, seine Macht immer noch nicht genug abgesichert zu haben. Stillstand war für ihn eine Niederlage.

Der frühe Tod des Vaters und die Kerze, die an beiden Enden brennt

Was ihn dazu getrieben hat? Manche Psychologen glauben, es könnte der frühe Tod seines Vaters gewesen sein, der mit Mitte 30 an Magenkrebs starb. Napoleon starb mit 52 Jahren, vordergründig am mörderischen Klima auf der einsamen Insel St. Helena im südlichen Atlantik. Doch er war auch einer dieser Menschen, die verbrennen wie eine Kerze, die an beiden Enden angezündet wurde.

Vielleicht wäre es an der Zeit, dem „Napoleon-Komplex“ einen anderen Namen zu geben. Der Psychologe Alfred Adler beschrieb damit als erster die Neigung kleiner Männer, ihr körperliches Defizit mit Macht, Erfolgen und Statussymbolen auszugleichen. Napoleon ist einfach viel komplexer.

Günter Müchlers Napoleon-Biografie

Napoleon war ein Musterbild für das, was der Soziologe Max Weber „Charismatische Herrschaft“ nannte. Der Korse zog Soldaten, Generäle, Menschen auf der Straße in seinen Bann, stets in dem Bewusstsein, dass er nichts geschenkt bekommen und sich alles selbst erarbeitet hatte. Dem Grafen Metternich aus uraltem Fürstengeschlecht, für den er ein Emporkömmling war, sagte Napoleon, mit seiner Herrschaft sei es vorbei, sobald er nicht mehr stark wäre.

Er wurde zerrieben im Krieg zwischen Fürsten- und Volksherrschaft, die sich ja erst im 20. Jahrhundert durchsetzte. So beschreibt es die kenntnisreiche, bestens recherchierte und glänzend geschriebene Napoleon-Biografie von Günter Müchler; sie stellt Napoleon in seine Zeit, ganz auf dem Stand der Forschung und quicklebendig, auch wenn Müchler Napoleons Gefühlsleben den großen blinden Flecken seiner Lebensgeschichte nennt.

Günter Müchler: Napoleon. Revolutionär auf dem Kaiserthron. Wbg Theiss, 623 S., 24 Euro.

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