Literatur

Nana Oforiatta-Ayim über ihren Roman „Wir Gotteskinder“

| Lesedauer: 7 Minuten
Nana Oforiatta-Ayim legt mit „Wir Gotteskinder" ihr Romandebüt vor.

Nana Oforiatta-Ayim legt mit „Wir Gotteskinder" ihr Romandebüt vor.

Foto: Randomhouse / randomhouse

Essen.  Die Kunsthistorikerin Nana Oforiatta-Ayim lebt in Ghana und kommt mit ihrem Romandebüt auf Lesereise in ihre alte Heimat – das Ruhrgebiet.

Die Zoom-Kamera zeigt ein graues Hotelzimmer in Berlin und eine bestens gelaunteNana Oforiatta-Ayim: Auf Twitter hat die Kunsthistorikerin bereits verbreitet, wie sehr sie sich auf die Deutschlandtour mit ihrem Debütroman „Wir Gotteskinder“ freut. Mit Britta Heidemann sprach sie über Heimatfragen, ghanaische Trommelpoesie und ihre geplante Ausstellung im Dortmunder U.

Frau Oforiatta-Ayim, sie haben als Kind im Duisburger Stadtteil Rumeln-Kaldenhausen gelebt – wie war das, woran erinnern Sie sich?

Oforiatta-Ayim: Ach, das war eigentlich eine ganz normale Kindheit! (lacht) Wir sind mit dem Fahrrad durch die Straßen gefahren, ich bin da in den Kindergarten gegangen, in die Schule, so wie alle anderen auch. Meine Eltern, die beide aus Ghana stammen, waren zum Studium in Heidelberg. Später war mein Vater Kinderarzt in Rumeln.

Und ihre Mutter Prinzessin.

Tatsächlich war mein Großvater mütterlicherseits ein ghanaischer König. Meine Mutter war strahlend schön und sehr charismatisch. Aber trotzdem ist die Mutter für ein Kind immer nur die Mutter, also hat sich das für mich eigentlich gar nicht so anders, so besonders angefühlt.

Wenn Sie jetzt ins Ruhrgebiet kommen, werden Sie Familie und Freunde besuchen?

Ja, mein Vater lebt noch hier. Wir sind damals, als ich acht Jahre alt war, nach London gezogen – und mit zwölf bin ich zurück nach Deutschland gekommen und in Neuss zur Schule gegangen. Aus dieser Zeit habe ich noch Freunde, besonders in Düsseldorf, wo ich in mein altes Lieblings Café Zicke gehe, das will ich schon seit Jahren machen. Zum Glück gibt es das Café noch!

„Heimat ist heute kein kompliziertes Thema mehr für mich“

Ihr Roman erzählt von einer solchen Kindheit in Deutschland, vom Leben in verschiedenen Welten. Was war der Ausgangspunkt?

Tatsächlich die Idee, dass ich über ein junges Mädchen schreiben wollte, die sich fragt, was Heimat, was Identität ist.

Und was ist für Sie selbst Heimat?

Ghana ist meine Heimat! Aber ich bin viel gereist, habe länger an verschiedenen Orten gelebt, und da ist es ja so, dass man sich immer irgendwie heimisch macht. Es ist komisch, ich werde jetzt immer nach diesen Themen gefragt, aber es liegt ja ein paar Jahre zurück, dass ich das Buch schrieb. Damals habe ich noch in London gelebt. Für mich ist die Frage, was Heimat ist, heute gar nicht mehr so dringend. Heimat ist kein kompliziertes Thema mehr für mich.

Ist das nicht sehr beruhigend, dass Sie sich jetzt so beheimatet, so sicher in diesen Fragen fühlen?

Ja, auf jeden Fall! Das ist das Schöne am Schreiben: Wenn etwas unverständlich ist oder verwirrend, kann ich mich schreibend damit auseinandersetzen. Dadurch kommt Klarheit in die Welt für mich. Es ist schön, zu wissen, dass diese Themen zur Ruhe gekommen sind.

Der Roman ist nicht linear erzählt, die Geschichte scheint hin- und her zu springen. Warum haben Sie sich für diese Form entschieden?

Ich beschäftige mich sehr mit der ghanaischen Tradition der Trommelpoesie. Diese Struktur habe ich analysiert und in die Literatur übersetzt. Dieses Abstrakte, das Springen, die Lücken im Narrativ, das kommt daher.

„Wenn man unsere Sprache kennt, kann man die Trommeln verstehen“

Wie muss man sich diese Trommelpoesie konkret vorstellen?

Wir haben in Ghana zwei Trommeln, eine männliche und eine weibliche. Meine Heimatsprache Twi ist sehr tonal, daher können wir die Trommeln buchstäblich sprechen lassen, das klingt dann so... (trommelt auf den Tisch vor sich). Wenn man diese Sprache kennt, kann man die Trommeln verstehen.

Ihre Protagonistin im Roman hat es sich als Erwachsene zur Aufgabe gemacht, „Schätze“ nach Ghana zurückzuholen. Meinten Sie damit die Restitution von Kunstschätzen?

So konkret ist das tatsächlich gar nicht formuliert. Das Verrückte ist: Als ich den Roman schrieb und meiner Protagonistin diese Arbeit gab, die Schätze für das Land zurückzuholen – da wusste ich nicht, dass dies meine tatsächliche Aufgabe sein würde! Ich habe da einen Traum niedergeschrieben, der nun wahr geworden ist.

Mit dem von Ihnen gegründeten „ANO Institute of Arts an Knowledge“ werden Sie ab November auch eine große Ausstellung im Dortmunder U ausrichten.

Ja, ich freue mich sehr! In Ghana haben wir ein mobiles Museum geschaffen, das von Ort zu Ort reisen kann, das war der Ausgangspunkt: ein Museum von und für die Leute, das Vergangenheit und Gegenwart vereint – und zwar nicht allein aus einer westlichen Perspektive. Wenn wir nun ghanaische Kunst in Deutschland zeigen, werden darunter auch Leihgaben aus deutschen Museen sein: Kunstwerke, die aus Ghana stammen, aber während der Kolonialzeit nach Deutschland gelangt sind und über die wir nun einen Diskurs führen.

Sie haben vor zwei Jahren den ersten Pavillon Ghanas bei der Kunstbiennale in Venedig kuratiert – wie kam es dazu?

Ich war davon überzeugt, dass es wichtig für die Kunstszene meines Landes ist und für die Resonanz international, dort präsent zu sein. Es hat mich aber sehr viel Überzeugungsarbeit nach allen Seiten hin gekostet. In Venedig und in meinem eigenen Land – dort wusste die Regierung nicht von der Biennale in Venedig und warum wir Geld ausgeben sollten, um dort teilzunehmen. Aber schließlich hat der Architekt David Adjaye mit Erde aus Ghana diesen Pavillon gebaut und ich habe sechs ghanaische Künstler ausgesucht.

Lesungen aus dem Roman „Wir Gotteskinder“ in Museen der Region

Nana Oforiatta-Ayim hat als Politikwissenschaftlerin für die Uno in New York gearbeitet, später Kunstgeschichte in London studiert. Sie lebt heute in Accra, der Hauptstadt Ghanas. Dort gründete sie das ANO Institute of Arts and Knowledge. 2019 hat sie den ersten Pavillon Ghanas bei der Kunstbiennale in Venedig kuratiert. Das Kunstmagazin Apollo zählt sie zu den 40 wichtigsten Personen des Kunstbetriebs unter 40 – ein kleiner Hinweis auf ihr Alter, denn ihr Geburtsjahr verrät sie nicht.

Den Roman „Wir Gotteskinder“ (Penguin, 272 S., 22 €) stellt sie im Ruhrgebiet vor: 21.9., 19 Uhr Kunstmuseum Bochum; 22.9., 19 Uhr Lehmbruck Museum Duisburg; 23.9. 19.30 Uhr Literaturhaus Dortmund; 24.9. 19.30 Uhr Kunsthalle Recklinghausen. Infos: literaturbuero-ruhr.de.

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