Musik

Nach 50 Jahren sind die King’s Singers nicht von gestern

“The King's Singers“.

“The King's Singers“.

Foto: Marco Borggreve

Essen.   Riesentournee zum „50.“, wenn auch ohne Gründungsmitglieder. Die berühmten „King’s Singers“ gastieren bald in Essens Philharmonie.

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Der Anruf kam überraschend. Schließlich arbeitete Jonathan Howard seinerzeit in einer Londoner Werbeagentur, hörte A-cappella-Musik vor allem über seine Kopfhörer, sang in seiner Freizeit aus Freude – und hatte bis dahin die King’s Singers noch nie live erlebt. Und nun sollte der Twen auf einmal bei der berühmtesten Boygroup der Klassikwelt vorsingen.

„Verrückt“, erinnert sich der heute 30-Jährige lachend. Die Harmonie stimmte… und Howard ist nun seit 2010 Teil des Sechsers und zelebriert mit seinen Kollegen in den kommenden elf Monaten das 50-jährige Jubiläum des erfolgreichsten Männergesangsvereins auf einer „Gold“-Welttour. Was im ersten Moment seltsam anmuten mag: Schließlich sind die sechs Gründer längst ausgeschieden und von der aktuellen Besetzung hat noch keiner das 40. Lebensjahr erreicht! Und doch sehen sich die Herren zu Recht in der Tradition der King’s Singers – und das nicht allein, da sie wie einst ihre Sänger-Vorfahren Schwiegermütter-Träume perfekt erfüllen… auch wenn mehr als nur einer von ihnen treusorgender Familienvater ist. Nein, es ist der unverwechselbare Ensemble-Klang, den sich die britische Gruppe bis heute bewahrt hat: kultiviert, absolut rein und edel in Stil und Intonation, gleichsam perfekt geführt in den fast vibratofreien beiden Countertenören und Baritonen, dem Tenor und Bass.

„The King’s Singers“: das verjüngte Traditionsensemble kommt im Februar nach Essen

Was auch Brian Kay neidlos einräumt, der die Gruppe Anfang Januar beim Jubiläumskonzert am Entstehungsort in der Kapelle des King’s College in Cambridge erlebt hat: Vor 50 Jahren gehörte der Londoner zu den ersten Sechs der King’s Singers, trat bis 1982 in mehr als 2000 Konzerten des Ensembles auf – „doch heute singen dort einige der schönsten Männerstimmen, die ich je gehört habe“, begeistert sich Howards Vor-Vor-Vorgänger für „unsere Enkelkinder“. Die wiederum voller Enthusiasmus ein anderes Markenzeichen ihrer „Großväter“ pflegen: Jene stets klug und mit Augenzwinkern ausgetüftelten Programme, die wie jetzt bei ihrem Konzert in Essen nicht nur einen Bogen über mehrere Jahrhunderte Musikgeschichte spannen, sondern fast immer in ihren Arrangements auch mit den Pop-Helden des 20. Jahrhunderts wie den Beatles, Freddie Mercury oder den Beach Boys anbandeln.

Die begnadeten Stimmen von Bass bis Counter haben kein Problem mit Talent-Shows

Getragen ist das von einem einfachen Credo: „Wir wollen der Welt zeigen, dass alle Musik auf ein- und dieselbe Bühne gehört, sofern uns die Stücke etwas bedeuten“, sagt Tenor Julian Gregory. Und wem diese Worte aus dem Munde eines 27-Jährigen allzu pathetisch dünken, für den fügt der einstige Chorknabe aus Leicester noch augenzwinkernd hinzu: „Deshalb sind wir auch so dankbar, dass es Sendungen wie DSDS, Pop Idol oder andere Talent-Shows gibt – das hätten wir nie zu hoffen gewagt, dass Singen einmal wieder zur Massenkultur wird.“

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In Essens Philharmonie am 10. Februar 2018, 20h

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