Neue Tour „KaleidoLuna“

DJ Bobo im Interview: „Ich bin etwas unterschätzt“

Auf und neben der Bühne ein unzertrennliches Paar: DJ Bobo und seine Frau und Co-Sängerin Nancy.

Auf und neben der Bühne ein unzertrennliches Paar: DJ Bobo und seine Frau und Co-Sängerin Nancy.

Foto: Michael Diehl

14 Alben in 27 Jahren und zahlreiche aufwendige Touren – DJ Bobo ist ein echtes Arbeitstier. Im Interview spricht er u.a. über Leistungsdruck.

Die meisten Menschen kennen Peter René Baumann unter seinem Alias DJ Bobo. Seit 1992 gelangen dem Sänger, Tänzer, Komponisten und Musikproduzenten aus dem Schweizer Kanton Aargau mehr als 30 Hits. Ab Ende April geht er mit seinem aktuellen, insgesamt 14. Studioalbum „KaleidoLuna“ auf Deutschland-Tour. Olaf Neumann sprach mit DJ Bobo (51) unter anderem über Leistungsdruck im Showbiz und die Zukunft.

Sind Sie nachweislich der erfolgreichste Musikschaffende aus der Schweiz?

DJ Bobo: Ich habe keine Ahnung. Ich sehe mich auch nicht als Schweizer Musikschaffender, sondern als Weltbürger. Ich bin halb Italiener und halb Schweizer.

Ihr neuestes Album heißt „KaleidoLuna“. Wie kamen Sie auf diesen Titel?

Es ist eine Wortschöpfung aus Kaleidoskop und Luna, dem Mond. Es sollte etwas Musikalisches sein wie Lalelilolu mit einer gesungenen, geschwungenen Melodieführung.

Wie ehrgeizig sind Sie als Songschreiber?

Als Songschreiber ist man ewig auf der Suche nach der Komposition. Ich lasse das aber eher passieren als dass ich krampfhaft versuche, etwas zu bestimmen. Mit Betrug geht es in der Musik nicht. Ein Gewichtheber kann zwei Kilo drauflegen, aber das funktioniert bei uns nicht. Ich muss einen guten Flow und eine gute Crew haben. Sobald gewisse Dinge nicht im Lot sind, wird es holprig.

Was haben Sie sich bei dem Song „Colours Of The World“ gedacht?

Im geistigen Auge hatten wir Afrika. Wir wollten bei uns selbst ein Gefühl von Steppe und „Lion King“ erzeugen. In den Chören kommen ganz viele Worterfindungen vor, das ist kein Afrikanisch, sondern einfach nur ein Gefühl.

Ist der Song auch ein Statement gegen Fremdenfeindlichkeit?

Es ist eher ein Song für Afrika als ein Song gegen etwas. Fremdenfeindlichkeit ist eigentlich Existenzangst. Würden diejenigen, die Angst vor Fremden haben, in deren Land reisen, hätten sie viel mehr Respekt vor anderen Kulturen, Religionen oder Bräuchen. Aber was wir nicht kennen, davor haben wir Angst. Das geht mir auch so. Die Leute sollten einfach mal den Rucksack packen und ein bisschen um die Welt reisen. Dann ändern sie ganz von alleine ihre Meinung.

Finden Sie zwischen Ihren Projekten noch Zeit, sich die Welt anzuschauen?

Ich versuche das immer zu verbinden. In Afrika bin ich Botschafter des Welternährungsprogramms und mit sozialen Hilfsprojekten in Kenia und Äthiopien unterwegs. Da kriegst du alles mit, Armut und Elend. Und trotzdem wage ich knallhart zu sagen: Die Menschen in diesen Ländern sind teilweise glücklicher als wir, die wir 90 Prozent unseres Lebens damit verbringen, Geld und materiellen Dingen nachzujagen. Die Menschen in Afrika haben andere Prioritäten. Deren höchstes Ziel ist nicht, ein Handy für 3000 Franken oder Euro zu haben, ihr höchstes Gut ist die Familie.

Wem oder was jagen Sie nach?

Schon diesem Zustand von Glück und Frieden zusammen mit der Familie. Das ist meine Basis. Man versucht es im Lot zu halten, das geht aber nicht immer. Ab einem gewissen Alter sterben Leute in deinem Umfeld weg und die eigenen Gebrechen beginnen. Aber so lange wie möglich möchte man diesen Zustand konservieren.

Wie groß ist die Gefahr, sich zu wiederholen, wenn man seit einem Vierteljahrhundert im Popgeschäft ist?

Als Songschreiber hat man eine gewisse Handschrift. Man wiederholt sich automatisch, ob man will oder nicht. Früher habe ich eine Zeit lang die gleichen Sachen mit anderen Worten gemacht, damit ich mich nicht über mich selbst langweile. Das Ergebnis war aber nur noch halb so gut. Besser ist, sich einfach treu zu bleiben.

Setzen Sie bei der KaleidoLuna-Live-Show Dinge um, die Sie so vorher noch nicht gemacht haben?

Ja und nein. Wir werden zum ersten Mal futuristisch. Die Zukunft ist visuell relativ schwer darzustellen. Man ist immer nah an der Albernheit dran. KaleidoLuna geht in die Zukunft und reist durch verschiedene Welten.

Wenn man wie Sie weltweit 15 Millionen Platten verkauft und massenhaft Edelmetall bekommen hat, gibt es dann immer noch den Druck, dass man etwas Besseres, etwas Tolleres macht?

Ja, aber ich messe mich nicht an den Kollegen, sondern an mir selbst. Wenn ich diesen Kampf mit Kollegen führte, verlöre ich ihn eh. Weil die alle 25 Jahre jünger sind und den Spirit der Zeit haben. Ich versuche eher, mein eigenes Projekt auf die nächste Stufe zu heben. Das ist wahrscheinlich der entspanntere Weg. Es wirkt sehr schnell albern, wenn ältere Leute versuchen, so zu klingen wie die jungen.

Können Sie als Entertainer mit 50 Jahren noch dasselbe tun wie mit 30?

Ja, das geht gut. Aber beim Fußball bin ich gegenüber den 28-jährigen Mitspielern zu langsam. Mein 16-jähriger Sohn schlug deshalb vor, dass wir Golf spielen, damit wir etwas gemeinsam unternehmen können.

Sind Sie ein Workaholic?

Ich bin eher ein von Emotionen Getriebener. Ich mache zwischendurch auch mal ein, zwei Jahre Pause. Da hat dann die Familie Priorität. Ich bin künstlerisch getrieben, ich gucke mir auch viele Konzerte von Kollegen an. Das ist meine Passion.

Der DJ-Star Avicii war auch ein Getriebener und ist im Alter von 28 Jahren gestorben. Zu Lebzeiten hat er angeblich zehn verschiedene Schmerzmittel geschluckt. Ist das der Preis des Erfolges?

Wenn die Balance zwischen richtigem Leben und Show zu sehr kippt und du nicht mehr weißt, wo welche Regeln gelten, möchtest du den Applaus immer beibehalten. Die ersten 20 Minuten nach einem Konzert empfindest du als noch schön, aber dann fängst du an, das Adrenalin abzubauen und das Hirn setzt ein. Plötzlich wird alles schlecht. Viele Künstler wollen dieses Hochgefühl weiter erleben und verwenden dazu künstliche Mittel. Das Problem dieser Kollegen ist, dass deren Berater ihnen nie zu einer Pause raten. Die sind nämlich wirtschaftlich abhängig von ihnen.

Sind Sie schon mal auf eine Tournee gegangen, obwohl Sie sich ausgebrannt und müde fühlten?

In den ersten Jahren wurde es mir zu viel. Da hatte ich Angst, dass es bald wieder vorbei sein könnte. Mir war bewusst, dass die Eurodance-Welle irgendwann vorbei sein wird. In diesem Bewusstsein habe ich alles mitgenommen, was da war. Du kommst physisch und mental an deine Grenzen, wenn du von einem Gig zum nächsten hetzt und alle dir auf die Schulter klopfen. Ich habe aber nie Alkohol konsumiert.

Wie schützen Sie Ihr Seelenheil?

Mit Golfen, Fußball, Tennis, meiner Familie. Ich bin möglichst viel in der Natur. Da freue ich mich auch auf eine Tour. Ich darf nie das Gefühl haben, dass es eigentlich schon zu viel ist. Aber wer wird einem schon raten, eine Pause zu machen?

Haben Sie Eigenschaften, die Sie selbst nur schwer akzeptieren können?

Ich bin furchtbar ungeduldig. Wenn ich eine Idee habe, möchte ich sie am liebsten sofort umsetzen. Und das ist sehr anstrengend.

Wie groß ist der Leistungsdruck in der Unterhaltungsbranche?

Er ist groß. Da, wo vorne ist, da bin ich. Wenn es um Entertainment geht, bin ich meistens ein bis zwei Jahre zu früh. Weil wir ständig neue Ideen und Technologien ausprobieren. Jahre später sehe ich unsere Ansätze oft bei Kollegen perfekt umgesetzt.

Welche neuen Technologien kommen bei der KaleidoLuna-Show zum Einsatz?

Wir werden auf jeden Fall die Videomapping-Technologie aufs nächste Level schießen. Wir haben vor, die ganze Bühne mit dieser Technologie zu bespielen. Unsere Bühne ist eine dreidimensionale weiße Fläche, die wir mit Videobauten zum Leben erwecken. LED-Wände gibt es bei uns nicht.

Wo finden Sie die entsprechenden Fachleute?

Die holen wir uns aus der ganzen Welt. Wenn ich in Moskau oder New York etwas Tolles sehe, versuche ich rauszufinden, wer das war und nehme zu der Person Kontakt auf. Die Geografie spielt keine Rolle.

2019 soll Abba wieder auf Tour gehen - als Hologramme. Ist das die Zukunft der Live-Musik?

Das macht uns natürlich allen Angst. Ich habe mit den Leuten, die diesen Plan haben, schon vor Jahren gesprochen. Abba möchte natürlich nicht in der heutigen Verfassung auf die Bühne, sie möchten lieber so erscheinen, wie die Leute sie kennen. Das finde ich ok. Mit dieser Technologie ist man schon lange am rumfummeln. Bei den Billboard-Awards wurde zum Beispiel ein Einzelauftritt von Michael Jackson als Hologramm gemacht. Wir reden von einem Song und der kostet im Moment fast eine Million Dollar. Die Entwicklung steckt noch in den Kinderschuhen, aber in zehn Jahren werden wir darüber lachen.

Werden wir eines Tages virtuelle Stars bejubeln?

Ich will mich mit dem Gedanken nicht anfreunden. Ich gehe zu einem Konzert, weil es da Emotionen gibt und weil da jemand mit mir spricht. Aber die Technologie an sich ist faszinierend. In Las Vegas hat Celine Dion schon vor drei, vier Jahren im Duett mit sich selbst gesungen. Das war sehr witzig. Man hat zwar gesehen, wer der Avatar war, aber es war schon nahe dran.

Was ist die Aufgabe eines Künstlers in einer Zeit sittlicher und gesellschaftlicher Krise?

Der Künstler ist immer das Licht am Ende des Tunnels. Das ist unser Job. Wir dürfen auf Dinge hinweisen und Stellung beziehen, aber wir müssen es nicht. Die einen machen mehr, die anderen weniger. Ein Künstler hat die Aufgabe, die Leute aus der Lethargie herauszuholen, in der sie vielleicht gerade sind. Und wenn es nur für zwei Stunden ist.

Erinnern Sie sich an einen Augenblick, als Sie das erste Mal die Macht der Musik gespürt haben?

Sehr deutlich gespürt habe ich sie in Tirana. 1999 dürften wir dort ein Dankeskonzert spielen für die albanische Bevölkerung, weil Albanien so viele Flüchtlinge aus dem Kosovo aufgenommen hatte. Der Schweizer Staat zusammen mit der albanischen Regierung hatte uns dahingeschickt, um vor über 100.000 Leuten zu spielen. Gleichzeitig waren da noch Soldaten mit Maschinengewehren dabei. In Tirana habe ich die positive Kraft von Musik extrem gespürt. Wir haben 2000 auch ein Konzert in Sarajevo gespielt, wo viele Menschen zwei Jahre lang eingeschlossen und Tag für Tag von den Hügeln beschossen wurden. Mir sagten Leute, dass meine Songs wie „Freedom“ oder „Respect Yourself“ sie über diese Zeit am Leben gehalten hätten. Sie hörten DJ Bobo auf dem Kopfhörer, wenn sie durch den Tunnel zum Brunnen gegangen sind, um Wasser für die Familie zu holen. Meine Lieder fungierten als Schutzengel, weil die Leute die Gewehrsalven nicht mehr ertragen konnten.

Was wird an Ihnen am meisten missverstanden?

Ich bin vielleicht durch meinen Namen, meine Herkunft und meinen Dialekt etwas unterschätzt. Man denkt immer, der süße kleine Schweizer mit dem lustigen Namen. Man nennt sich auch nicht freiwillig so, das ist einfach passiert. Aber missverstanden fühle ich mich nicht.

>>> DJ Bobo auf „KaleidoLuna“-Tournee: 25.5. Frankfurt (Festhalle), 26.5. Oberhausen (König-Pilsener-Arena), 7.6. Dortmund (Westfalenhalle), 8.6. Köln (Lanxess Arena). Tickets ab ca. 42 € gibt’s hier.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben