Musik

Deichkind: „Man sollte auf seine Birne aufpassen“

Ab Februar auf Tour: Deichkind um Philipp Grütering (2. v. li.) und Sebastian „Porky“ Dürre (2. v. re.).

Ab Februar auf Tour: Deichkind um Philipp Grütering (2. v. li.) und Sebastian „Porky“ Dürre (2. v. re.).

Foto: Studio Schramm Berlin

Essen.   Die Anarcho-Techno-Rapper bringen ihr siebtes Album „Wer Sagt Denn Das?“ auf den Markt. Ein Gespräch über Meinungen und Hedonismus.

Deichkind sind ein Phänomen. Gestartet einst als lupenreine Hip-Hop-Combo, entwickelten sich die Hamburger zum vielleicht aufregendsten Live-Act Deutschlands. Seit der dritten Platte „Aufstand im Schlaraffenland“ rappen das einzig verbliebene Gründungsmitglied Philipp „Kryptik Joe“ (45) und Sebastian „Porky“ Dürre (42) verstärkt auf Techno-Beats und verblüffen ihre Fans mit kreativen Outfits und Bühnenperformances immer wieder aufs Neue. Mit Patrick Friedland sprach Porky über das neue, morgen erscheinende Album „Wer Sagt Denn Das?“, das wieder Futter für Hirn und Tanzbein bietet.

„Leider Geil“, „Krawall und Remmidemmi“, „Arbeit nervt“ und jetzt als erste Single „Richtig gutes Zeug“. Wie schaffen Sie es eigentlich immer wieder, aus den bescheuertsten Alltagsphrasen und billigsten Boing-Boing-Sounds immer wieder große Hits zu zaubern?

Migräne. Hilft total. Mit halb offenem Mund vor das Mikrofon stellen und losbrabbeln. Nicht zu viel wollen und Quatsch machen hilft auch.

Ist „Wer Sagt Denn Das?“ ein Aufruf dazu, seine Meinung zu vertreten?

Eigentlich ist es genau andersrum. Meinung ist ein schwieriges Wort. Es bedeutet, sich von anderen abzugrenzen – und das ist genau das Gegenteil von dem, was wir im Sinn hatten, als wir diesen Song gemacht haben. Meinung bedeutet immer „Ich, ich, ich. Ich will richtig liegen.“ Und das ist für mich das Übel von allem. Für uns ist der Titeltrack der wichtigste Song auf dem Album. Wir wollen animieren, sich selbst mal zu hinterfragen, ob die eigene Meinung auch falsch sein könnte.

„Wir sind wie ein trojanisches Pferd“

Funktioniert das mit Musik besser als ohne?

Auf jeden Fall. Wir müssen unsere Reichweite ausnutzen, um diesem Ohnmachtsgefühl in der Gesellschaft mit all den Ängsten und Rassismus etwas entgegenzusetzen. Es geht auch um Algorithmen, das, was auf Millionen von Geräten, gerade bei Kindern, läuft. Wenn ausschließlich reiche weiße Männer und Großkonzerne die Parameter festlegen, dann sind Vielfalt und Gleichberechtigung in Gefahr. Niemand weiß, wie das abläuft. Die Frage ist: Wo lassen wir uns hinleiten, wenn wir nicht mal innehalten und nachdenken? Dieser Song ist unser Versuch, Leute dazu zu bringen, nicht einfach nur zu konsumieren.

Sehen Sie sich mit der Mischung aus Politischem und Party-Attitüde als Gegenpol zu dieser „Angst“-Gesellschaft?

Wir sind wie ein trojanisches Pferd. Wir wollen die Leute vereinen. Man muss nicht der mega-reflektierte Typ sein, man kann auch einfach zum Feiern kommen. Wenn man dann aber noch was mitnimmt und nachdenkt, haben wir unser Ziel erreicht. Darüber hinaus haben wir den Hedonismus bis zum Exzess zelebriert. „Remmidemmi“ spielen wir immer noch gerne, das ist unser „Satisfaction“.

Wie viel Hedonismus ist denn gesund?

Man sollte auf seine Birne aufpassen. Schwierig wird’s auch, wenn man Verantwortung für andere hat. Natürlich leben wir aber auch in einer sehr konditionierten Gesellschaft. Jeder sollte schauen, wo er vielleicht durch Einflüsse wie Erziehung gehemmt ist und wo er sich mal ein bisschen mehr erlauben könnte.

Kommen wir zur Tour: Wie viel Arbeit steckt in Ihren Shows?

Wir arbeiten zwei bis drei Jahre dran. Während wir mit der einen Show unterwegs sind, werkeln wir schon an der neuen. Es soll eine Überleitung sein. Anarchie, ständig alles kaputthauen ging irgendwann nicht mehr, das mit den Müllsack-Kostümen war eines Tages auch auserzählt. Dann sind wir ins sterile Schwarz-Weiß mit Silber gegangen, brachen das wieder auf und präsentierten die große Pop-Show. 2020 gibt’s dann eine Art „lebendes Gemälde“ mit vielen Farben und fahrenden Kulissen. Es wird jedenfalls wieder geil!

„Keine Fäkalien, keine Tiere, kein Sexismus!“

Was würden Sie denn gerne auf der Bühne machen, was Sie noch nie gemacht haben?

Weiß ich nicht. Ich hatte immer das Gefühl, dass wenn wir etwas machen wollten, es einfach gemacht haben. Bock habe ich aber mal wieder auf kleine Clubs. Das bauen wir bald mal wieder ein. Wir werden die Shows aber immer erst einen Tag vorher ankündigen.


Gibt es Schamgrenzen? Oder: Was wäre selbst Ihnen zu krass?

Fäkalien. Tiere. Sexismus. Es gab noch nie etwas Sexistisches in einer Deichkind-Performance, das mögen wir überhaupt nicht. Und ganz nackt ist auch lame. Wenn ein dicker alter Mann einen Slip anhat, ist es immer noch besser, als wenn er nackt auf der Bühne steht.

Wie The KLF mit Schreckschusspistolen ins Publikum ballern wäre auch keine so gute Idee, oder?

Nee. In Sachen Schockeffekte ist eh schon alles durch. Das kann Marilyn Manson gerne weiter probieren, aber für mich ist das völlig vorbei. Wir beziehen das Publikum lieber mit ein, anstatt auf sie zu schießen.

Zwischen „Niveau Weshalb Warum“ und „Wer Sagt Denn Das?“ sind vier Jahre vergangen. Was passiert denn abgesehen von Ihren Konzerten in der Zwischenzeit?

Zwei Jahre sind wir auf Tour, dann beginnt man schon, sich wieder über neue Musik Gedanken zu machen. Wenn die Platte dann irgendwann fertig ist, möchte ich auch mal andere Sachen machen. Ich bringe bald ein Punkrock-Album für Kinder raus, gehe gerne Angeln, Grillen oder fahre in den Urlaub.

„Wir pumpen sogar privates Geld in unsere Videos“

Was haben Sie Lars Eidinger eigentlich gegeben, dass der sich in mehreren Videos zum Affen macht?

Naja: Wir haben jetzt schon mehr Budget für die Videos verblasen, als die meisten Bands in ihrer Geschichte Umsatz machen. Das muss aber auch so sein. Wir wollen, dass es geil wird und pumpen da sogar privates Geld rein. Und Lars kennen wir schon ewig, der ist großer Fan.

Nicht mehr mit dabei ist Ferris MC. Wie hat sich dieser Abgang auf die Dynamik in der Band ausgewirkt?

Gar nicht so stark. Was das Schreiben der Texte und die Studioarbeit angeht, waren ja ohnehin Philipp und ich die treibenden Kräfte. Es ist aber persönlich traurig und live werden wir sein Fehlen sicher merken. Ferris ist ein supergeiler Typ und Performer, der eine Lücke hinterlässt. Aber die Gespräche, dass Ferris geht, gab es so schon in der „Niveau Weshalb Warum“-Phase. Er hat seine Solo-Gene, will seine Schauspielkarriere vorantreiben. Und wir haben einen dritten Rapper für die Tour akquiriert, den halten wir aber noch geheim.

Es gibt auf dem Album einige Stellen, an denen Sie sich selbst zitieren oder Anspielungen darauf machen, dass Sie hier und da auch gerne Ideen bei anderen Bands klauen. Wie wichtig ist denn Originalität?

Es muss nicht originell sein, wir sind ja kein Geheimtipp mehr (lacht). Ich habe auch keinen Bock darauf, anderen noch etwas zu beweisen. Wir machen alles so, dass es uns Spaß macht. Wenn das in der Öffentlichkeit funktioniert, dann haben wir gewonnen.

Deichkind sind ein Phänomen im deutschsprachigen Raum. Aber haben Sie nie versucht, im Ausland Fuß zu fassen?

Das wurde durch Fügungen verhindert. Einmal sollten wir in Texas auf dem „South by Southwest“-Festival spielen, eine Woche vorher ist Sebi (Sebastian Hackert, bis 2009 Produzent, d. Red.) gestorben. Ein Auftritt war in China geplant, eine Woche vorher war da ein Riesen-Erdbeben. In London haben wir es dann noch einmal versucht – es kamen 1000 deutsche Austauschstudenten. Heute muss ich sagen: Deutschland, Österreich, Schweiz reicht uns.

Da klappt’s ja auch besonders gut.

Eben. Und wenn das irgendwann nicht mehr klappt, spiele ich auch gerne wieder vor nur 1000 Leuten. Wäre immer noch mehr, als ich bei meinem Deichkind-Einstieg 2005 je erwartet hätte.

Was hatten Sie erwartet?

Einen Inhalt für mein Leben. Beim Arbeitsamt hatten sie damals nicht so viel für mich. Ich habe keine abgeschlossene Ausbildung, brach mein Musikstudium ab, weil ich mich nicht konzen­trieren konnte. Eigentlich habe ich immer in Angst gelebt, hatte Druck von meinen Eltern und der Gesellschaft. In einer Band zu sein, auch erstmal nur Tag für Tag, war eine Art Insel, auf der ich das Gefühl hatte, gebraucht zu werden.

Und wie lang soll es noch weitergehen?

Gedanken über ein Band-Aus mache ich mir nicht. Über die Zukunft nachzudenken, bringt nur Angst und Stress. Ich lebe im Jetzt. Und wir sollten uns darauf konzentrieren, im Jetzt darüber nachzudenken, welche Welt wir Keith Richards hinterlassen wollen …

>>> INFO: Deichkind live

25.2. Münster (Halle Münsterland), 29.2. Köln (Lanxess Arena), 4.3. Dortmund (Westfalenhalle). Karten ab ca. 46 €.

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