Ausstellung

Museum in Hagen zeigt große Sonderborg-Retrospektive

Der Maler K.R.H. Sonderborg

Der Maler K.R.H. Sonderborg

Foto: Foto: Manfred Hamm / Emil schumacher Museum Hagen

Hagen.  Bei K. R. H. Sonderborg gerinnt die Zeit zum Ereignishorizont. Das Emil Schumacher Museum Hagen zeigt den Maler jetzt in einer großen Ausstellung

Das sind Bilder, deren Malspur direkt ins Auge des Orkans führt, dorthin, wo die Zeit zum Ereignishorizont gerinnt. K. R. H. Sonderborg (1923 - 2008) gehört in der jungen Bundesrepublik zu den bedeutendsten Vertretern der informellen Malerei. Nun entdeckt eine umfassende Retrospektive im Hagener Emil-Schumacher-Museum den Künstler neu, der kosmopolitisch und heimatlos zugleich die Brüche und Aufbruchstimmungen der frisch gegründeten deutschen Demokratie verkörpert.

„Bilder von Zeit und Raum“ lautet der Titel der Ausstellung und verweist damit auf den speziellen Schaffensprozess, der gerade in seiner temporären Bedingtheit das Vergängliche zu Formeln von großer Energie verdichtet. Sonderborgs Bildsprache ist unverwechselbar, sie ist zum Markenzeichen für die Nachkriegsmalerei geworden, und der Maler selbst bricht mit ihr aus – aus der geistigen Enge der NS-Ära. Er lebt abwechselnd in Paris und in New York, wo er sich im Chelsea-Hotel einquartiert, das in den 1960er-Jahren zum Treffpunkt von Jazzmusikern, Literaten und Pop-Art-Künstlern wird.

Ein Swing Boy in der Nazizeit

Sonderborg wurde ohne rechten Arm geboren, sein Vater war in Hamburg Posaunist in einem Jazz-Orchester; er nahm seinen Jungen oft mit in den Hamburger Hafen, wo beide zeichneten, und diese Landschaft aus Eisenkonstruktionen, Hebebäumen und Kränen grundiert den Rhythmus seines Werks. Auch später werden elektrische Oberleitungen, Stahlkonstruktionen, Schornsteine, Kabelstränge, Brücken, Hochspannungsmasten und Wassertanks auf Hochhäusern die abstrakte Zeichensprache in seinen Bildern beeinflussen – neben der Musik, denn der Jazz ist eine prägende Konstante in seinem Leben. Manche Bilder Sonderborgs lassen sich wie Partituren lesen.

Sonderborg war ein Swing Boy, er gehörte zu der Gruppe von jungen Leuten, die in Hamburg und anderen Großstädten NS-Deutschlands dem Gleichschritt der Hitlerjugend mit Blue Notes und Offbeat trotzten. Wegen „Anglophilie“ kam der spätere Meistermaler 1942 für vier Monate ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel. Die Import-Export-Firma, bei der er arbeitete, schickte ihn anschließend in die Ukraine, wo er vor politischer Verfolgung sicher war.

Zwischen Paris und New York

Nach Kriegsende verlässt Sonderborg die kaufmännische Laufbahn, um sich der Malerei zu widmen. Er wird Mitglied der Gruppe ZEN 49 – seine verrätselten, zeichenhaften Arbeiten legen Anklänge an das Zeitkonzept der fernöstlichen Kalligraphie nahe. Er gibt seinen Geburtsnamen Kurt Rudolf Hoffmann auf, um sich von Nazideutschland in jeder Hinsicht zu distanzieren und nennt sich fortan nach seinem dänischen Geburtsort Sonderborg. 1955 erhält er den Karl-Ernst-Osthaus-Preis der Stadt Hagen, stellt in Paris aus und beginnt zu reisen.

Rouven Lotz, der wissenschaftliche Leiter des Emil-Schumacher-Museums und Kurator der Ausstellung, beschreibt den Schaffensprozess, der sich grundlegend von dem eines Emil Schumachers unterscheidet. „Bei Sonderborg ist die Farbe nur ein Mittel zum Zweck, um den Faktor Zeit herauszustellen. Er beginnt, Bilder nach der Zeitspanne zu betiteln, in der sie entstanden sind, zum Beispiel 24. VII. 1957, 15.45 – 1.03 Uhr.“ Ein eigenes Atelier unterhält Sonderborg selten, meistens malt er im Hotel, und zwar auf Fotokarton. Seine Palette reduziert er bewusst auf Schwarz mit wenig Rot auf weißem Hintergrund. „Farben interessieren ihn nicht“, so Rouven Lotz.

Kreisförmige Strukturen

Mit Informel bezeichnet man eine Richtung der malerischen Abstraktion, die im Gegensatz zur geometrischen Abstraktion die Form überwindet und Kategorien wie die Materialität der Farbe und die Spontaneität des Schaffensprozesses herausstellt. Die deutschen Maler befreiten sich nach 1945 damit vom Blut- und Boden-Realismus der NS-Zeit. Der Hagener Maler Emil Schumacher ist ein Pionier des Informel.

Sonderborg hat sich selber als Action Painter bezeichnet. Der Bewegungsablauf wird durch die Anordnung der Malwerkzeuge bestimmt. So entstehen kreisförmige Strukturen von ungeheurer Dynamik und Energie, die aus einem verborgenen Kern heraus zu explodieren scheinen. Der Künstler hielt allerdings nicht viel davon, seine Werke mit Interpretationen zu bedichten. Das Einzige, was er zu seinen Bildern sagen könne sei, dass er wisse, dass er sie und auch wann und wo er sie gemacht habe, verriet er einmal.

Schon zu Lebzeiten sind Sonderborg und sein Schaffen vielfach geehrt worden, mit Professuren und mit bedeutenden Preisen. Rouven Lotz: „Sonderborg ist sicherlich einer der wichtigsten Vertreter des Informel, die aus Deutschland kommen. Er hat es geschafft, den Informel mit einer sehr markanten Idee zu bereichern, und das ist die Zeit.“

Die Ausstellung ist im Emil-Schumacher-Museum Hagen vom 15. September bis 9. Februar zu sehen. Die Eröffnung beginnt am Sonntag 11.30 Uhr. www.esmh.de

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