AUSSTELLUNG

Mülheimer Kunstmuseum zeigt den Expressionismus der 1920er

Walter Gramattés „Mädchen mit Kirschenzweigen“ (1921), Ausschnitt.

Foto: Kunstmuseum Mülheim

Walter Gramattés „Mädchen mit Kirschenzweigen“ (1921), Ausschnitt. Foto: Kunstmuseum Mülheim

Mülheim/R.   Nach dem Weltkrieg war alles anders: Das Mülheimer Kunstmuseum zeigt den Expressionismus der 20er-Jahre unter dem Titel „Fern der großen Städte“.

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Wie fast immer war die Revolte kurz und das Leben danach viel länger: Die Expressionisten, die anders als August Macke und Franz Marc das maschinengestützte Menschenschlachten des Ersten Weltkriegs überstanden hatten, kehrten doppelt ermüdet heim – und suchten ihr Heil auf dem Land, an der See, weit weg vom Getriebe der Großstadt. Die Motive wurden zahmer, die Farben nicht selten harmonischer, gedämpfter – aber die Bilder nicht schlechter.

Das führt die aktuelle Ausstellung im Kunstmuseum alte Post vor Augen: „Fern der großen Städte“ wird vom „Expressionismus der 20er-Jahre“ mit einem Mal die Wirklichkeit genauer ins Auge genommen, der stimmige Eindruck wird wichtiger als die wilde Geste der Anfänge, die sich mitunter ja in reiner Großspurigkeit erschöpfte.

Ein dengelnder Bauer an der Sense

Erich Heckel etwa kaufte sich ein Bauernhaus an der Flensburger Förde und malte 1919 in geradezu naturalistischen Farben einen Schwimmer in einer Bucht, von dem man nicht recht wissen kann, ob er die Freiheit genießt oder sich verloren fühlt im großen Alleinsein: „Einsamkeit“, befand Heckel, „ist das Beste, was man hat.“ Karl Schmidt-Rottluff siedelte sommers an der Ostseeküste Pommerns und malte zunächst noch feurig expressive „Wäscherinnen am Meer“, bevor er sich sichtlich sediert einem dengelnden Bauern an der Sense zuwandte. Dass Peter August Böckstiegel, der van Gogh Westfalens, ein „Bauernpaar“ im Holzschnitt festhielt, wirkt fast schon selbstverständlich.

Ernst Ludwig Kirchner wiederum, der 1911 von Dresden nach Berlin gegangen war und sich mehr und mehr auf Motive der flirrenden Großstadt verlegt hatte, suchte nach den erschütternden Weltkriegserfahrungen (inklusive Drogenabhängigkeit) die Einsamkeit im schweizerischen Davos und befand: „Hier lernt man tiefer sehen und weiter eindringen als in dem sogenannten ,modernen Leben’, das trotz seiner reicheren äußeren Form so sehr viel oberflächlicher ist.“

Bei Kirchner allerdings wirkt es nach wie vor so, als lauerten in der Tiefe lauter Dämonen, von den vier Kühen seiner Rohrfederzeichnung bis zu den beiden „Bauern am Mistfuhrwerk“. Kirchner bildet auch die Ausnahme unter all den gezähmten Expressionisten. Eine doppelt bemalte Leinwand belegt das: auf der später als Rückseite titulierten Leinwand zwei Frauenakte, die vor allem schief auf die Leinwand gerieten, nackt zwischen den gedeckten Farben der Natur ringsum.

Zehn Jahre später nahm Kirchner das Bild noch einmal zur Hand und malte auf die bisherige Rückseite zwei Frauenakte in einem Feuer aus Farben, mit violett glosenden Tannenstämmen, mit Hautpartien in rosa, giftgelben und frühlingsgrünen Tönen und einem moosähnlichen Gebirgsbach: Kirchner sollte ein Solitär des Expressionismus bleiben, der sich eher noch radikalisierte, die Abstraktion weiter trieb und in den Tönen seiner Bilder die Pop-Art vorwegnahm, wie einst die „Farben sind die Freunde des Lebens“-Ausstellung im Folkwang gezeigt hat.

Weihnachtsstillleben in Blau

In Mülheim begegnet man auch dem sonst eher vernachlässigten, 1929 jung gestorbenen Walter Gramatté, der zwar oft dem Magischen Realismus zugerechnet wird, aber im ständigen Austausch mit den Expressionisten stand. Sein komplett in Blau getauchtes Weihnachtsstillleben „Nächtliche Stadt“ zeigt einen Blick aus dem Fenster, der freilich am Draußen nicht so interessiert ist wie am Interieur; und sein „Mädchen mit Kirschenzweigen“ hat den Blues nicht nur farblich.

Wenn man im Blick hat, dass in Mülheim bis Ende des Jahres auch noch die formidable Emil-Nolde-Ausstellung läuft und im Grafik-Kabinett Otto Pankoks (freilich nicht durchweg gelungene) Holzschnitte zu sehen sind, bildet das Kunstmuseum ein echtes Pilgerziel für Freunde des Expressionismus.

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