Theater

Mülheim befreit Shakespeare-Klassiker „Othello“ vom Staub

Othello in Mülheims Theater an der Ruhr: Klaus Herzog als Brabantio und Jubril Sulaimon in der Titelrolle.

Othello in Mülheims Theater an der Ruhr: Klaus Herzog als Brabantio und Jubril Sulaimon in der Titelrolle.

Foto: Franziska Götzen

Mülheim.   Das Theater an der Ruhr in Mülheim zeigt jetzt „Othello“. Roberto Ciulli hat den Klassiker dafür gehörig verschlankt und modernisiert.

Ein Wölkchen von Flusen steigt auf, als Othello in eifersüchtigem Zorn seine Faust auf die Sofalehne krachen lässt. Aber das sind dann auch die letzten Spuren von Staub, die Roberto Ciullis Inszenierung des 414 Jahre alten Shakespeare-Klassikers noch aufweist. Der Prinzipal des Mülheimer Theaters an der Ruhr eröffnet mit dem von 16 auf sechs Rollen verschlankten Stück die neue Saison, und auch die Bühne ist noch radikaler reduziert als gewohnt: Ein Boxsack, ein Scheinwerfer, ein Vorhang und das ominöse Taschentuch sind die Requisiten, vom roten Sofa in der Mitte einmal abgesehen.

Hier sitzen Cassio, Emilia, Jago und der Senator, gewandet irgendwo zwischen Halbwelt und besserer Gesellschaft (Kostüme: Elisabeth Strauß), Cassio in Weiß als Fleisch gewordenes Phlegma, die Intrigenschleuder Jago in Nadelstreifen. Der Boxsack im Hintergrund dient Othello als Wutableiter und verlegt den Aufstieg des Schwarzen ins Hier und Jetzt, von Venedig, Zypern und dem Feldherrn ist hier nicht die Rede. Und in Othellos Alptraum ist es Cassio, der mit seiner Desdemona im Box- und Liebes-Clinch liegt und am Ende mit dem Weltmeistergürtel über der Schulter und Desdemona im Arm abgeht. Shakespeares Text ist stark eingedampft, modernisiert, umgeschrieben.

Eifersucht vom Besitzdenken getrieben

Dieser Mülheimer Othello scheint getrieben vom Misstrauen gegen den eigenen Aufstieg, von heimlichen Minderwertigkeitskomplexen, die ihm nicht zuletzt die anderen einreden, weil sie sich die überraschende Heirat der höheren Tochter Desdemona mit dem Emporkömmling eher mit Hexerei als mit Liebe erklären wollen. Aber Jubril Sulaimon lässt all dies mehr ahnen als dass er es spielt, der gebürtige Nigerianer verfällt in Momenten von Othellos höchster Empörung in seine Muttersprache. So wenig, wie man zu Beginn wirklich rasende Liebe bei ihm verspürt, so sehr scheint seine Eifersucht vom Besitzdenken getrieben, von Egoismus: „Wo soll der Schwarze jetzt hin?“

Nicht von ungefähr liegen am Ende Desdemona (lustvoll liebender Engel: Dagmar Geppert) und Emilia (gebrochen: Petra von der Beek) ermordet auf dem Sofa, während die Männer dieses Stücks überleben – oder heimlich sterben.

Eher skelettiert als filetiert

Im Mittelpunkt bleibt aber die geschickt in Gang gesetzte Intrige des Karrieristen mit einem Faible für Menschenmanipulation. Ciulli hat das Stück eher skelettiert als filetiert. So wird die monströs böse Kanaille Jago, den Steffen Reuber in großartig-übler Aasigkeit gibt (wie er Trauer um den toten Cassio heuchelt, ist widerwärtiger kaum zu spielen) zum eigentlichen Helden. Reuber geht an die Grenzen der Rolle, ohne in Parodie zu verfallen.

Und es wäre wohl keine Ciulli-Inszenierung, wenn es nicht doch noch ein Bild gäbe, das einem eine ganze Weile nicht mehr aus dem Kopf geht: Der transparent-weiß hereinwehende Vorhang, der aller Poesie und Friedlichkeit zum Trotz schließlich als Mordinstrument dienen wird – ausgerechnet er zeugt davon, dass all dies nicht so tödlich, so unmenschlich ausgehen müsste, wie es das tut.

Dauer: 1:45 h. Termine: 27. September, 6./13. Oktober, jew. 19.30 Uhr. Karten (ab 23,50 Euro): www.theater-an-der-ruhr.de oder 0208/5990188.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben