Klavier-Festival Ruhr

Mozart und Bruckner mit dem Charme einer Abrissbirne

Klavier-Festival Ruhr 2019 Rafał Blechacz WDR Sinfonieorchester Köln | James Gaffigan Mercatorhalle Duisburg | 12. Juli 2019 Foto: Sven Lorenz | Essen

Klavier-Festival Ruhr 2019 Rafał Blechacz WDR Sinfonieorchester Köln | James Gaffigan Mercatorhalle Duisburg | 12. Juli 2019 Foto: Sven Lorenz | Essen

Foto: Sven Lorenz / klavier-festival ruhr

Duisburg.  Rafał Blechacz und das WDR Sinfonieorchester unter James Gaffigan beim Klavier-Festival Ruhr mit Bravour, aber auch fragwürdigen Interpretationen

Auch wenn sich das Publikum in der nahezu voll besetzten Duisburger Mercatorhalle am Ende vor Begeisterung überschlug, sollten einige kritische Anmerkungen erlaubt sein – selbst, wenn es um einen mit Spannung erwarteten Auftritt des polnischen Pianisten Rafał Blechacz mit dem WDR Sinfonieorchester im Rahmen des Klavier-Festivals Ruhr geht. Einwände, die sowohl den Pianisten als auch den Dirigenten James Gaffigan betreffen, der zwar kurzfristig für den erkrankten Christoph Eschenbach eingesprungen war, trotz seiner jungen Jahre jedoch über so viel Erfahrung verfügen sollte, dass man ihm auch ein Programm mit besonders herausfordernden Werken von Mozart und Bruckner anvertrauen kann.

Perlende Läufe, wache Phrasierung, derber Anschlag

Allerdings eröffnete Gaffigan Mozarts Klavierkonzert in c-Moll KV 491 klanglich so ruppig, wie es derzeit im Umkreis von überschätzten Pultheroen à la Teodor Currentzis & Co angesagt ist. Das WDR Sinfonieorchester tönte ungewohnt rau und ließ wenig Piano-Kultur erkennen, so dass gleich der erste Forte-Ausbruch eher einer Detonation als einem dynamisch druckvollen Befreiungsschlag glich.

Rafał Blechacz nahm der kratzbürstig musizierten Einleitung mit seinem Einsatz zunächst einiges an Schärfe und entwickelte über weite Strecken ein entspanntes, ausgeglichenes Spiel, wie man es von ihm kennt. Das betrifft perlende Läufe ebenso wie eine wache rhetorische Phrasierung in den Dialogen zwischen Klavier und Orchester des langsamen Satzes. Ausgerechnet in den Variationen des Schlusssatzes verstieg er sich jedoch wiederholt zu einem derben, routinierten Anschlag, mit dem er den uneinheitlichen Eindruck der insgesamt fragwürdigen Interpretation unterstrich.

Lauter, hektischer, scheppernde Effekthascherei

Nach der Pause wurde es mit Anton Bruckners Dritter Sinfonie in der üblichen letzten Fassung lauter und noch hektischer, aber nicht besser. Wenn man schon auf einen reifen Dirigenten wie Christoph Eschenbach verzichten muss, wäre eine Programmänderung sinnvoll, bevor man Bruckner einseitig auf Rekordmarken in Sachen Tempo und Dynamik reduziert.

Auch wenn heute niemand mehr Bruckner mit dem Weihrauchkessel einnebelt: Die spirituelle Intensität und Größe seiner Musik sollte schon spürbar werden. Und was war davon in Duisburg zu hören? Vom vorgeschriebenen „misterioso“ keine Spur, wie auch kein einziges wirklich klingendes Pianissimo, dafür kurzatmige Crescendi und klanglich unorganisierte dynamische Explosionen mit dem Charme einer Abrissbirne. Ein formal zerrissener Flickenteppich mit viel Hektik und scheppernder Effekthascherei. Effekte, die beim begeisterten Publikum ihre Wirkung offenbar nicht verfehlten

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