Kinostart der Woche

„Motherless Brooklyn“ – Ein Detektivfilm klassischer Prägung

Stich ins Wespenstich: „Motherless Brooklyn“ mit Gugu Mbatha-Raw und Edward Norton.

Stich ins Wespenstich: „Motherless Brooklyn“ mit Gugu Mbatha-Raw und Edward Norton.

Foto: WARNER BROS.

Essen.  Kleiner Schnüffler, große Gegner: Edward Norton präsentiert mit „Motherless Brooklyn“ einen spannenden Detektiv-Film mit tollem Sound.

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„Wenn!“ Wie ein Schuss knallt das Wort aus Lionel heraus. Wie das immer so ist, wenn er sich psychisch unter Druck befindet. Geraten die Dinge vollends außer Kontrolle, flippt Lionel verbal aus. Dann sprudeln sinnlose Wortfolgen und wüste Reime aus ihm hervor und direkt danach muss er den Leuten erklären, dass mit ihm etwas nicht stimmt.

Lionel Essrogg hat mit dem zu tun, was man heute Tourette-Syndrom nennt. Im New York des Jahres 1957 ist die Krankheit aber noch nicht benannt. Weshalb Lionel für die meisten nur ein Spinner ist. Aber Frank Minna war anders. Der Privatdetektiv mit guten Kontakten auch in die hohen Etagen von Manhattan erkannte die speziellen Fähigkeiten, über die Lionels Kopf auch verfügt; das fotografische Gedächtnis etwa, oder der analytische Umgang mit Worten. Frank gab Lionel ein Leben und Halt in der Gesellschaft. Aber dann wurde er bei einem Job erschossen und Lionel konnte es nicht verhindern. Woran arbeitete Frank? Wieso finden sich so gut wie keine Unterlagen in seinem Nachlass? Und was hat es mit dem Wort „Formosa“ zu tun, das er Lionel im letzten Moment ins Ohr flüsterte?

Norton schrieb das Drehbuch, produzierte, führte Regie und spielte die Titelrolle

Ein Mann mit einem körperlichen oder geistigen Gebrechen ist eine der faszinierenden Charakterrollen im amerikanischen Kriminalfilm. Der Mann mit Handicap ist immer auch ein Mann mit Geheimnis; davon profitierte schon Jonathan Lethems Roman, nach dem Edward Norton das Drehbuch schrieb, produzierte, Regie führte und die Titelrolle spielt. Denn Lionel hat viele Namen. Im Büro nennt ihn ein Kollege ungeniert Freakshow (Monstrositätenschau), im Waisenhaus nannte man ihn nach dem Ort, wo man ihn aufgefunden hatte – eben ein Mutterloser aus Brooklyn.

Dieser Umstand bringt die Geschichte ebenso wenig weiter wie Lionels Tourette. Es ist eine Klangfarbe. Die eigentliche Handlung, den Plot, bereichert das enorm, es hält ihn aber auch auf. Immerhin dauert der Film fast zweieinhalb Stunden, was aber auch dem komplexen Geschehen geschuldet ist. Denn wie im klassischen Detektivkrimi nach Hammett und Chandler führt der Fall vom scheinbar Kleinen hinauf zum ganz Großen. Hier ist das so, dass einige wenige Männer mit Geld- und Immobiliengeschäften die Stadt beherrschen.

In ein Wespennest gestochen

Der Mächtigste von allen ist Moses Randolph, den Alec Baldwin mit lustvoller Präzision durch die Klippen der Unmoral steuert. Randolph plant ein Bauprojekt im Norden Manhattans, wo bevorzugt Schwarze leben. Für diese ist in seinen Plänen aber kein Platz. „Sie verschwinden einfach“, lautet seine Analyse, womit er das Wesen New Yorker Stadtpolitik seit den 1850er-Jahren und damit auch die eigenen Ambitionen kurz und bündig umrissen hat. Der kleine Schnüffler Lionel und eine schwarze Anwältin (Gugu Mbatha-Raw) stechen ungewollt tiefer ins Wespennest, als sie vermuten konnten. Das bringt gefährliche Gegner ins Spiel.

Es gibt wenig zu bekritteln an diesem Film. Edward Norton erzählt spannend und inszeniert druckvoll, er hat ein sicheres Gespür für Schauspielerführung und Atmosphäre. Manche Einstellungen wirken wie die Stadtimpressionen Edward Hoppers, und die Musik (Daniel Pemberton) schafft in der Synthese aus düsterem Orchesterklang und Cool-Anklängen im Miles-Davis-Stil einen der hörenswertesten Soundtracks in Jahren. Ob das Kinogänger eine Woche vor „Star Wars“ und zwei Wochen vor „Cats“ mobilisiert, ist zu bezweifeln. Schlimmer – es ist richtig schade für diesen guten Film.

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