Theaterpremiere

Moers macht Josef K. auf Papierbällen den „Process“

Matthias Heße und Elisa Reining in Ulrich Grebs „Prcoess“-Inszenierung

Matthias Heße und Elisa Reining in Ulrich Grebs „Prcoess“-Inszenierung

Foto: Jakob Studnar / Ho

Moers.  Der Moerser Schlosstheater-Intendant Ulrich Greb inszeniert Franz Kafkas Roman vieldeutig, aber mit unbedingtem Blick auf die Gegenwart.

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ So lautet der Anfangssatz von Franz Kafkas Roman „Der Process“, den Schlosstheater-Intendant Ulrich Greb für die Bühne bearbeitet und in einer ehemaligen Boutique im Wallzentrum eingerichtet hat. Ein Jahr zieht sich dieser undurchschaubare Prozess hin; ein Jahr, in dem der Bankprokurist, der trotz Festnahme in Freiheit bleibt, vergeblich herauszufinden versucht, wessen er angeklagt ist. Am Tag vor seinem 31. Geburtstag wird er in einem Steinbruch hingerichtet.

250.000 zu Bällen geknüllte weiße Papierblätter bilden die hügelige Spielfläche: eine unberührte Terra incognita, aus der sich langsam fünf Schauspieler wie aus einem Gräberfeld erheben und Kafkas Figuren wechselnd Gestalt und Profil geben. Auch sie sind in jenem Weiß gekleidet, das geisterhaften Erscheinungen zugeschrieben wird, das aber auch die Farbe der Unschuld ist.

Geheimnisvolles Netz aus Instanzen

Gleichsam jeder fassbaren Zeit enthoben, taumelt Josef K. auf unsicherem Boden durch ein Gesellschaftssystem, dessen geheimnisvolles Netz aus Instanzen, Zuständigkeiten, Gesetzen und Kontrollorganen undurchschaubar ist.

Mit jedem Papierball, der entfaltet wird, wird die Geschichte anders gelesen. Die analoge Papierwüste aus Akten, Anordnungen und Aufzeichnungen, aus der das Ensemble (trainiert vom belgischen Puppenspieler Joost van den Branden, der schon bei Camus’ „Pest“ beteiligt war) immer größer werdende Fantasie- und Schreckensgestalten aus vergänglichem Papier auferstehen lässt, wird unausgesprochen zum digitalen Speicher mit ewigen Gedächtnis.

„Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht“

Bei aller radikalen Ästhetik versucht Greb nicht, eine abschließende Deutung des ohnehin nicht endgültig aufzuschlüsselnden Romans zu liefern. Er lässt Kafka selbst sprechen. Lässt Sätze wirken, die, vor über 100 Jahren geschrieben, wie ein Peitschenknall ins Heute fahren: „Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht“ oder „Man muss nicht alles für wahr halten, man muss es nur für notwendig halten.“

Die nächsten Termine: 11., 16., 25., 27. Sept. (19.30 Uhr); Karten: Tel. 02841 / 8834110

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