Jazz

Moers Festival 2020: ein Pfingstwunder am Niederrhein

Vor leeren Rängen, Corona-bedingt:  das Jazz-Trio „PoiL“ beim „Moers Festival“ 2020.

Vor leeren Rängen, Corona-bedingt: das Jazz-Trio „PoiL“ beim „Moers Festival“ 2020.

Foto: Sven Thielmann, Essen

Moers.  Festival-Erlebnis in Corona-Zeiten? In Moers funktioniert die Quadratur des Kreises: Pfingsten wurde für Tausende Zuschauer gejazzt.

Ein veritables Pfingstwunder am Niederrhein – allen Widrigkeiten zum Trotz fand das Moers Festival auch in diesem Jahr in verblüffender Vitalität statt. Dessen künstlerischer Leiter Tim Isfort hatte in schwierigen Zeiten die Nerven bewahrt, um Tausenden Fans ein Festival-Erlebnis zu ermöglichen.

Als täglichen Livestream via Arte Concert aus der, abgesehen von wenigen Technikern und einigen Journalisten, leeren Festivalhalle. Von wo aus das Motto „New Ways To Fly“ für die 49. Ausgabe des legendären Jazzfestivals einen so niemals erwarteten Ruch von Wahrheit entfaltete. Die meistgehörten Worte am Eröffnungstag waren „absurd“ und „surreal“.

Das Moers Festival 2020 fand statt. Zuschauer durften nicht in den Saal, konnten aber per Stream dabeisein

Nun konnte man im Laufe der Jahrzehnte schon viele seltsame Dinge in Moers erleben. Aber ein Festival ganz ohne Publikum, das gab es noch nie. Dafür zwei Bühnen und dazwischen an jener Stelle, wo sich sonst manche Zuhörer um die besten Plätze stritten, jede Menge Ton- und Video-Technik für die klang- und bildgewaltige Übertragung der präzise im Stundentakt stattfindenden Konzerte. Ein seltsames Erlebnis, vor leeren Rängen ausnahmslos hochprofessionell agierende Musiker quasi ins Nichts spielen zu sehen.

Denn natürlich hatten die wenigen, mit reichlich Sicherheitsabstand platzierten und pausenlos maskierten Zuhörer ein coronabedingtes Klatschverbot. Weshalb die beiden Klangkünstler Achim Zepezauer und Wolfgang van Ackeren aus dem Fundus von in 48 Festivaljahren gesammelten Applaus-Mitschnitten schöpften und erst verhalten, später zunehmend gewagter lautstarke Publikumsreaktionen in die Performances mischten. Das wirkte wahrlich absurd in der Halle, klang aber zumindest am heimischen Rechner halbwegs stimmig und auch stimmungsvoll.

Schräge Einlagen beim Moers Festival gehören dazu, auch wenn nicht jeder den Auftritt von „Miss Unimoers“ goutierte

Geteilter Meinung konnte man ebenfalls über die seltsamen Aktivitäten einer vor einem Green Screen agierenden Kunstfigur namens Miss Unimoers sein, die der Moerser Schauspieler Matthias Heße ohne Scheu vor surrealem, bisweilen peinlichem Aktionismus verkörperte. Was dann über den Bühnen auf schräg komponierten Leinwand-Projektionen in Form einer fliegenden Untertasse, einem Sofa und gar einem lieblich-kitschigen Rehkitz zu sehen war. Und nicht nur in der Studio-Atmosphäre der Festivalhalle, sondern auch zuhause an den Bildschirmen für Irritationen sorgte, wie den Tausenden, meist begeisterten Reaktionen auf den diversen Social-Media-Kanälen zu entnehmen war.

Aber zu den Freiheiten dieses gigantischen Experiments und seiner „New Ways To Fly“ gehörte ja auch, daheim auf die visuelle Komponente zu verzichten und allein im erstklassigen Sound schwelgen zu können. Dass man vieles vermisste, die Gespräche mit Moers-Veteranen etwa, die Plattenstände oder das quirlige Geschehen vor der Halle, wurde allein schon dadurch mehr als wettgemacht, dass Tim Isfort und sein Team das Unglaubliche realisierten: ein Moers Festival in einen neuen, ganz anderen Format, das über 200 Musikern zum ersten Mal seit Monaten des Stillstands einen Konzertauftritt und somit ein Einkommen bot.

Das Live-Erlebnis kann das Moers-Festival zwar nicht ersetzen, aber der Jahrgang hat seine Qualitäten

Natürlich konnte dieses Festival das Moers-typische Live-Erlebnis samt sozialer Interaktion nicht ersetzen, dafür aber bot es ein starkes gesellschaftspolitisches Signal: Künstler sind systemrelevant und Jazz verbindet Menschen weltweit. Um den großen Saxophonisten Albert Ayler zu zitieren: „Music is the healing force of the universe“. Wie vielfältig die heilende Kraft in Moers wirkte, berichten wir noch.

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