Legende

Martin Walsers „Mädchenleben“: Einladung zum Selberdenken

Martin Walser: „Mädchenleben“ als Spurensuche.

Martin Walser: „Mädchenleben“ als Spurensuche.

Foto: Felix Kästle / picture alliance

Essen.  „Eine Leiter aus Wörtern hat jeder in sich“: Martin Walser (92) schreibt und schreibt - jetzt erscheint seine „Legende“ namens „Mädchenleben“.

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Im hohen Alter macht man keine langen Umwege mehr. Mit 92 Jahren schafft Martin Walser auf nur 92 Seiten den Sprung vom niedersten irdischen Sein bis in die Sphären des Heiligen – in einer Art Romanskizze, die sein Verlag als „Legende“ bezeichnet. „Mädchenleben“ erzählt von der jungen Sirte Zürn und ihrer Familie, beobachtet und notiert vom Untermieter Anton.

Vater Zürn ist Alkoholiker oder Schlimmeres, er beschmutzt sich, indem er sich Kuhfladen ins Gesicht schmiert, er schlägt und vergewaltigt seine Frau – aber wenn es um seine Tochter Sirte geht, scheint er verwandelt. Seine Tochter solle, müsse heilig gesprochen werden, sie verdiene es, so vertraut er es dem Untermieter Anton an, der alsbald ebenfalls in den Bann geschlagen scheint: „Ich erlebe mich gern als Verehrender. Darum bin ich bei Sirte gelandet.“

Spuren eines 92-jährigen Schriftstellerlebens

Viel mehr erfahren wir nicht von diesem Anton (sein Nachname, tatsächlich: Schweiger). Aber auch Sirte begegnen wir vor allem in Walser-typischen Notaten und Aphorismen, die sie schließlich Anton zuspielt, ihn so ins Vertrauen ziehend:

„Nirgends ist, was uns fehlt, genauer ausgedrückt als in Gott.“

„Eine Leiter aus Wörtern hat jeder in sich, nach oben kein Ende.“

„Wer Gott beweisen will, hat ihn nicht.“

Das Schreiben vom Mangel, die Sehnsucht nach Gott, nach einer Erlösung – hier finden sich Spuren eines 92-jährigen Schriftstellerlebens, Spuren jener Fragen, die er sich über Jahrzehnte immer wieder gestellt hat.

Ein feines gedankliches Experiment

Tatsächlich hat Martin Walser schon in seinen Tagebüchern aus dem Jahr 1961 über jene Geschichte nachgedacht, die er nun „Mädchenleben“ nennt. Es geht um ein Opfer, das Wunder wirkt, um die eigene Abhängigkeit von diesem Opfer, auch als es längst nicht mehr nötig ist. Walser spürt dem Kern aller Religiosität nach, den Lücken, die Gott füllen soll. In aller Knappheit ist dies ein feines gedankliches Experiment, eine Literatur gewordene Einladung zum Selberdenken.

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