Premiere im Grillo-Theater

Marius von Mayenburgs Wiederkehr der braunen Gespenster

Ines Krug, Jan Pröhl in der Inszenierung "Der Stein" von Marius von Mayenburg; Regie: Elina Finkel

Ines Krug, Jan Pröhl in der Inszenierung "Der Stein" von Marius von Mayenburg; Regie: Elina Finkel

Foto: Matthias Jung / Handout

Essen.  Langer, zustimmender Beifall für die Premiere des Geschichts-Stücks „Der Stein“ im Essener Grillo-Theater. Elina Finkel verlängert es ins Heute.

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Tochter Hannah will am liebsten gleich wieder ausziehen. Mama Heidrun versucht, mit dem alten Kaffeegeschirr das Gefühl von Heimat aufkommen zu lassen. Während Oma Witha im Garten nach dem NSDAP-Abzeichen gräbt, das sich in ihrer Erinnerung längst in ein Bundesverdienstkreuz verwandelt hat. Das alte Haus in Dresden lässt seine Leichen nicht ruhen – und die lebenden Bewohner noch weniger: Ein Geisterhaus in Marius von Mayenburgs Familiendrama „Der Stein“. Wie bedrohlich die Gespenster der deutschen Geschichte bis in die Gegenwart hineinwirken, wenn man unangenehme Wahrheiten immer wieder unter Gras und Gutgläubigkeit begräbt, zeigt Elina Finkel im Grillo-Theater in ihrer subtilen Inszenierung, die auch ohne Anspielung auf aktuelle Antisemitismus-Tendenzen mahnende Wirkung erzielt.

Sechs Jahrzehnte deutscher Geschichte von 1935 bis 1993, drei Generationen, ein Familienerbe, auf Lügen gebaut: Das Haus in Dresden – ‘35 gekauft, ‘45 bombadiert, ‘53 in Richtung Westen verlassen, ‘78 noch einmal kurz in Augenschein genommen und ‘93 wieder bezogen – wird zum Katalysator eines schmerzhaften Enthüllungs-Prozesses. „Opa war nicht in der Partei“, beharrt Teenager Hannah. Und wird von Oma Witha doch irgendwann erfahren, dass Opa Wolfgang (mit schneidend-scharfer Kälte: Jan Pröhl) das schöne Anwesen in Dresden 1935 keineswegs nur gekauft hat, um einer jüdischen Familie die Flucht aus Nazi-Deutschland zu ermöglichen.

Ines Krug wird in Sekunden zur sorgenvollen Mutter

Ahnbar, aber doch mit Gespür für Spannung, treibt von Mayenburg die Offenbarung einer großen, mit dem Haus vererbten Schuld voran, verzahnt Geschichte und Gegenwart in kurzen, schlaglichtartigen Szenen, die vom Ensemble höchste Wandlungsfähigkeit verlangen. Ines Krug mutiert in Sekunden von der greisen Oma zur sorgenvollen Mutter, die ihren Mann 1945 nicht durch die angebliche Kugel eines Rotarmisten verliert, sondern durch einen Kopfschuss aus seiner eigenen Waffe, weil für ihn nach dem Dritten Reich keine Zukunft vorstellbar ist.

Janina Sachau ist mal fragende Tochter, mal selber Mutter, die die eigenen Zweifel längst mit einem glutvollen Glauben an den Vater als „anständigen Deutschen“ ausgelöscht hat. Josephine Raschke spielt ihre Tochter Hannah, die für ihr Vorbilder-Referat gerne einen Großvater als Helden hätte, aber mehr noch den eigenen Vater vermisst.

Intensive Stimmungsbilder trotz Einheitskulisse

Von Mayenburgs recht konventionelles und bisweilen auch arg lose verknüpftes Historien-Panorama gewinnt durch die Zeitsprünge, durch die Verschiebung der Wissensebenen an Reiz. Und Regisseurin Elina Finkel zeichnet vor Norbert Bellens deckenhoher Wand aus grauen Klötzen trotz Einheitskulisse kurze, intensive Stimmungsbilder. Mit Licht, sparsamen Kleiderwechseln (Kostüme: Jessice Karge) und auf die Wand projizierten Jahreszahlen gelingt so ein nahtloses Fließen von Zeit und Raum. In dem schnellen Bilderbogen bleibt manches aber auch nur vage Skizze. Silvia Weiskopfs DDR-Enkelin Stefanie, die als selbsternannter Störfaktor Besitzansprüche bei den zurückgekehrten „Wessis“ anmeldet, bleibt im Stück eine Randfigur. Sabine Osthoffs jüdische Hausbesitzerin Mieze hinterlässt nicht nur mit der Axt in der Hand schlagenden Eindruck.

Von Mayenburgs 2008 uraufgeführter Text, der von neuen rechten Aufmärschen, von Gaulands „Vogelschiss der Geschichte“-Zitat und dem Attentat auf die Synagoge von Halle noch nichts wissen konnte, setzt seinen Schlusspunkt 1993 kurz nach der Wende. In Elina Finkels Inszenierung geht die Geschichte weiter, werden der titelgebende Stein, den die SA einst durchs Fenster warf, und die historische Bürde an die neue, vierte Generation weitergegeben, um das Andenken zu bewahren. 2019 steht hier für die Fortschreibung einer langen unheilvollen Geschichte vom Verdrängen und Vergessenwollen.

Langer, zustimmender Beifall.

Dauer: 80 Minuten. Weitere Termine: 1., 9., 10., 21. November. Karten: 0201-8122-200 www.theater-essen.de

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