Kino

„Loving Vincent“ - erst gespielt, dann über-zeichnet

Vincent van Gogh (Robert Gulaczyk) in einer Szene des Kinofilms "Loving Vincent".

Foto: Sp.z.o.o. & Loving Vincent Ltd.

Vincent van Gogh (Robert Gulaczyk) in einer Szene des Kinofilms "Loving Vincent". Foto: Sp.z.o.o. & Loving Vincent Ltd.

Spannendes formales Experiment, in der Botschaft fragwürdig: „Loving Vincent“ rankt sich um den Tod des großen Malers van Gogh

Vincent van Gogh ist tot. Der junge Armand hat das nicht gewusst, er kannte van Gogh nicht einmal. Trotzdem soll er nun auf Geheiß seines Vaters einen Brief von Vincent an dessen Bruder überstellen. Armand fährt dafür nach Paris und muss feststellen, dass Theo van Gogh ebenfalls verstorben ist

Armand ist verwirrt, dann reift ein Entschluss in ihm. Er fährt nach Auvers, wo Vincent sich vor sechs Monaten in einem Kornfeld die tödliche Schusswunde zufügte. In der malerischen Idylle der Provence erkennt Armand zu seiner Überraschung, dass die Erinnerung an den holländischen Maler bei den verschiedensten Leuten noch sehr lebendig ist; und die Aussagen über Vincents Reputation und sein Lebensende weisen keineswegs alle in die gleiche Richtung.

„Loving Vincent“ startet im Kino, es ist auch ein Krimipuzzle um einen großen Maler

Ein interessanter Fall von filmischer Spurensuche ist dieses Historiendrama. Wenn ein ums andere Mal der Fall Jack the Ripper aufgerollt werden kann, warum dann nicht auch einmal dem mysteriösen Selbstmord in Auvers nachspüren? Auf diese Weise entfaltet sich ein amüsantes und dann sogar zunehmend spannendes Kriminalpuzzle, das geschickt mit Spekulationen und trügerischen Fakten jongliert und dann – etwa eine Viertelstunde vor Schluss – alles wieder fahren lässt. Weg mit den Indizien. Es war Selbstmord. Schluss, Aus, Basta.

Das ist ein fast schon unanständiger Umgang mit dem Zuschauer, der den Film einigen Kredit kosten wird. Allerdings: Weit interessanter als die erzählerische Ebene ist die formale Ausgestaltung des Films. Tatsächlich wurde zunächst ein Spielfilm gedreht, dann wurden sämtliche Figuren im Spiel unter der Leitung des englisch-polnischen Regieteams Dorota Kobiela und Hugh Welchman, die auch das Drehbuch verfassten, buchstäblich übermalt, und das pinselstrichgenau im Stil der zugrundeliegenden Van-Gogh-Gemälde. Diese beachtliche Fleißarbeit von Hand übertrug der Computer dann in Bewegtbildgrafik.

Betörend, erstaunend, banal: „Loving Vincent“ hat als Film Schwächen und Stärken

Das Resultat ist angesichts der unterschiedlichen Arbeitsprozesse je nach Szene betörend, erstaunend oder banal. Die generelle Unruhe im Bild, dieses nervöse Flimmern, wie man es auch in frühen Puppentrickfilmen von George Pal oder zuletzt in Wes Andersons „Der fantastische Mr. Fox“ hat nichts mit Schluderei oder Unvermögen zu tun, es ist ein künstlerischer Kompromiss als Folge eines begrenzten Finanzrahmens, aber auch, um Stilleben Vitalität einzuhauchen.

Am Ende wird jede Figur und jeder Schauspieler dem Original-Gemälde gegenübergestellt. Und man sieht: Wirklich weiter hat einen der Film nicht gebracht. Aber er ist unglaublich schön.

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