Roman

„Der Hof der Wunder“ erzählt die Revolution neu

Hätte so wohl nie gemalt werden können: Eugène Delacroixs Gemälde der Julirevolution von 1830.

Hätte so wohl nie gemalt werden können: Eugène Delacroixs Gemälde der Julirevolution von 1830.

Foto: akg-images / pa/akg-images

„Was wäre, wenn Napoleon ...?“: Kester Grants Debütroman „Der Hof der Wunder“ erzählt die französische Geschichte einmal völlig neu

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In dieser alternativen Erzählung über Paris im Jahr 1823 ist die Französische Revolution gescheitert, die Gesellschaft zerrüttet. Offiziell herrschen gewissenlose Adelige, aber in der Pariser Unterwelt existiert eine Parallelgesellschaft mit ganz eigenen Gesetzen: Neun kriminelle Gilden teilen sich dort die Macht. Da wären etwa die Gilde der Diebe, der Meuchelmörder, der Bettler oder die Gilde des Fleisches, die der besonders brutale Kaplan – genannt der Tiger – leitet. Jede Gilde hat einen Herrscher, verschiedene Meister und eine Gefolgschaft, das sind die „Kinder“ der Gilde.

Kester Grants Debütroman bedient sich sehr offensichtlich an zwei Vorlagen: Victor Hugos „Die Elenden“ und Rudyard Kiplings „Das Dschungelbuch“ – das wird nicht zuletzt an den Namen der Romanfiguren deutlich und an den Machtstrukturen innerhalb der Gilden. Grant erzählt aber ihre eigene, durchaus spannende Version.

„Der Hof der Wunder“ porträtiert eine außergewöhnliche Heldin ohne Makel

Nina, Hauptfigur und Ich-Erzählerin des Romans, ist ein Kind der Gilde der Diebe und eine der Besten ihres Fachs. „Du bist nicht Nina das Kätzchen, du bist die schwarze Katze. Zeige bei jeder Gelegenheit deine Zähne und Krallen, damit die anderen nicht vergessen, dass du gefährlich bist. Erst dann wirst du eine gewisse Sicherheit haben.“ Diese Worte richtet Azelma, Ninas größere Schwester, an sie, kurz bevor sie verschwindet. Denn der gemeinsame Vater hat Azelma an den Tiger verkauft – ihr Schicksal ist damit besiegelt. Doch Nina gibt so schnell nicht auf. Sie schmiedet einen Plan, um ihre Schwester zu befreien ...

Das Positive vorweg: Das Buch beginnt mit einer packenden Szene, sofort wird deutlich, dass man es in diesem Fantasy-Roman mit einer außergewöhnlichen Heldin zu tun hat. „Du bist schlau, Nina, und das ist eine Waffe. Du bist klein, und du bist schnell. Und auch das sind Waffen. (…) Sei nützlich, sei klug und allen anderen immer einen Schritt voraus. Sei tapfer, selbst wenn du Angst hast.“ Aus dramaturgischer Sicht muss man aber sagen, Nina nimmt sich diese Worte ein bisschen zu sehr zu Herzen. Denn fortan erleben wir eine Protagonistin, der eigentlich alles gelingt.

Ein Roman mit Tempo und Charme

Und das ist der größte Vorwurf an diesen Roman: Es mangelt ihm an Twists, und der Heldin würden der eine oder andere Makel mehr Schärfe und Tiefe geben. Hier und da wäre auch etwas mehr erzählerische Sorgfalt angebracht gewesen, nicht immer weiß man genau, welche zeitlichen Sprünge geschehen und etwa wie alt Nina gerade ist oder wie sich ihr Aussehen ändert.

Darüber hinaus ist „Der Hof der Wunder“ ein Roman mit Tempo und Charme. Ninas Umgang mit ihren männlichen Bewunderern ist frech und ungewöhnlich – es ist angenehm, keine in Romantik dahinschmelzende Heldin zu erleben.

Der Hof der Wunder
von Kester Grant
Piper Verlag, 416 S., 17 €
Wertung: 4 / 5 Punkten

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