Literatur

Literaten im Hier und Jetzt

Eine Momentaufnahme, die heute schon Geschichte ist (v.l.): Claus Leggewie,

Eine Momentaufnahme, die heute schon Geschichte ist (v.l.): Claus Leggewie,

Foto: Georg Lukas

Essen.   Der „Literarische Salon“ verabschiedete sich im Essener Grillo-Theater mit einem illustren Reigen zu Fragen der Gegenwart.

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Unsere Gegenwart, sie hört in dieser Sekunde auch schon wieder auf und passiert meist in der Ferne: in Aleppo oder an Ungarns Grenzen. Was also macht Schriftsteller zu „Helden der Gegenwart“ – sollen, können sie es überhaupt sein? Zum letzten Mal lud Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts, zum „Literarischen Salon“. Im Essener Grillo-Theater versammelte er gemeinsam mit Literaturkritikerin Insa Wilke eine illustre Runde internationaler Literaten, die in ihren (zumeist) eigens für diesen Abend verfassten Texten Geistes-Gegenwart bewiesen – und Einblicke in schriftstellerische Arbeit und Schriftsteller-Charaktere gleichermaßen erlaubten.

Da gab es jene, die sich auf Umwegen näherten: Juri Andruchowytsch entführte seine Zuhörer in ein Schweizer Berghotel, zu einem terroristisch gesinnten Pianisten – Terror, das ist doch wohl immer ganz im Hier und Jetzt? Lyriker Michael Lentz feuerte eine Wort gewordene, hochtourige Maschinengewehrsalve ab, die dem Gebot „Du sollst nicht töten“ den Garaus machte und von den Wurzeln aller Moral bis in die Krone der Schöpfung führte. Auch Peter Wawerzinek performte seinen Beitrag sprechsingend: „Ich nasche dauernd von meinen eigenen Texten“, gestand er – gab aber auch ab. Dank!

Näher an den Gegenstand wagte sich Gregor Sander: „Beim Beschreiben der Gegenwart gibt es zwei Probleme: Das eine bin ich. Das andere ist die Gegenwart.“ Die ist morgen schon von gestern, etwa an der Grenze Ungarns: Im Roman „Was gewesen wäre“ noch eine grüne Grenze, in der Verfilmung schon ein hoher Zaun, „aber der Film kommt erst 2018 in die Kinos!“ Praktische Probleme anderer Art plagten Aris Fioretos, der fiebrig aus seiner Wahlheimat Stockholm angereist war und sich dem Helden-Teil der Frage stellte: Wie erfindet man eine Heldin? Etwa mit Hilfe historischer Filmaufnahmen – die Gegenwart, gestern.

Am Genauesten und Schonungslosesten schließlich gingen die beiden geladenen Schriftstellerinnen Katja Lange-Müller und Judith Hermann mit ihrem eigenen Schreiben ins Gericht. Das Motiv des Sich-von-der-Seele-Schreibens gesteht Katja Lange-Müller, einst Hilfsschwester in der geschlossenen Psychiatrie. Ihren Krankenschwestern-Roman „Drehtür“ aber prägten auch die Flüchtlingsströme in der Türkei: Neun Monate Schreibzeit in Istanbul veränderten ihren Blick auf die Rolle, die Nöte, Erschöpfung der Helfer.

„Ich schreibe, um mich rauszuhalten“, dieses Geständnis machte Judith Hermann, die Großmeisterin des Nichtpassierten, Ungesagten: „Eine Grundbedingung für das Schreiben ist es, Aleppo zu vergessen. Womöglich ist es eine Grundbedingung für das Leben.“

Knapp drei sternenfunkelnde Stunden dauerte der Gegenwartsreigen – mit dem der Literarische Salon nun von gestern sein soll, Geschichte gewordene Gegenwart. Höchst bedauerlich.

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