Erinnerung

Leser begeistern sich wieder für Nachkriegsautor Jörg Fauser

Ein unangepasster Sohn der frühen Bundesrepublik: Autor Jörg Fauser (1944-1987), hier bei der Frankfurter Buchmesse 1985.

Ein unangepasster Sohn der frühen Bundesrepublik: Autor Jörg Fauser (1944-1987), hier bei der Frankfurter Buchmesse 1985.

Foto: imago stock

Essen.  „Fauser. Lesen. Jetzt“: Der Diogenes-Verlag würdigt mit einer erweiterten Gesamtausgabe das Schaffen des Autors Jörg Fauser (1944-1987).

Das könnte der düstere Schluss eines Romans sein: Nach einer nächtlichen Geburtstagsfeier macht sich der Held alleine auf den Heimweg, zu Fuß über die A 94 bei München, wird von einem LKW erfasst und stirbt am 17. Juli 1987 in der Notfallklinik.

Es ist aber das Ende von Jörg Fausers Lebensroman gewesen. Gerade war er 43 geworden, jetzt wäre er 75 Jahre alt geworden. Damals hatte er sich gerade so halbwegs mit dem Literaturbetrieb versöhnt, an dessen Rändern er lange marodiert hatte. Jörg, den ich noch aus Schülerzeiten kannte, war ein „Frankfurter Bub“, geboren im letzten Kriegssommer, ein unangepasster, aber auch darin nicht untypischer Sohn der frühen Bundesrepublik.

Drogenerfahrungen in Istanbul

Gleich nach dem Abitur stürzte er sich ins Doppel-Abenteuer „Leben“ und „Literatur“, schrieb über seine Drogenerfahrungen in Istanbul, reiste in die USA, von wo aus er die Underground-Literatur, aber auch die „hartgekochten“ Krimiklassiker durch den deutschen Zoll brachte.

Und er schrieb und schrieb: Gedichte, Reportagen und Kolumnen, für Untergrundgazetten in Frankfurt, für City-Magazine in Berlin und München, für den deutschen „Playboy“, für Enzensbergers kurzlebige Zeitschrift „TransAtlantik“, auch Essays über seine literarischen Hausgötter, eine Biografie von Marlon Brando, und Kriminalromane, seltene Blüten im Ödland des deutschen Nachkriegskrimis. Sein größter Erfolg war „Der Schneemann“ von 1981, noch erfolgreicher in der Verfilmung mit Marius Müller-Westernhagen als traurigem Helden Blum, der – anders als sein Verfasser – am Ende noch davonkommt, pleite aber lebendig.

Anreger der postmodernen deutschen Literatur

Den neueren Literaturgeschichten gilt Jörg Fauser, neben Rolf-Dieter Brinkmann, heute als Vorgänger und Anreger der postmodernen deutschen Literatur, noch einige Jahre vor Patrick Süskinds „Parfüm“.

Und nun folgt ein Lob für den einschlägig bekannten Diogenes-Verlag in Zürich. Er hatte schon vor Jahren eine schnell zusammengestellte Kassette mit neun Bändchen der diversen Schriften von Fauser herausgebracht. Und hat sich nun mit der Seriosität und Gründlichkeit, die wir von ihm kennen, an eine revidierte, erweiterte und solide ausgestattete Gesamtausgabe gemacht.

„Das Schlangenmaul“ und „Rohstoff“

Vorerst sind drei Bände erschienen: der Kriminalroman „Das Schlangenmaul“, seine frühe, romanhafte Autobiografie „Rohstoff“, in der es vor allem um seine Drogenerfahrung und erste Lebenskrise geht, dazu „Rohstoff Elements“, das sind Gedichte und Prosaskizzen, sowie Reportagen aus dem Drogenmilieu, also Texte, die man – glauben Sie’s mir! – durchaus auch als Schullektüre empfehlen kann.

Und überhaupt ist dies ein Fall, in dem man ausnahmsweise einmal die Verlagswerbung ernst nehmen und sogar wiederholen sollte: „Fauser. Lesen. Jetzt.“

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