Kino

Ladj Lys Vorstadt-Film „Die Wütenden – Les Misérables“

Den Vorort-Kids von Montfermeil kommt Regisseur Ladj Lys sehr nahe.

Den Vorort-Kids von Montfermeil kommt Regisseur Ladj Lys sehr nahe.

Foto: Wild Bunch Germany

Wo Victor Hugos Roman „Les Misérables“ spielte, stehen heute Hochhäuser: Regisseur Ladj Lys zeigt im gleichnamigen Film die Wut der Vorstadt.

Der Titel verweist zwar sehr deutlich auf Victor Hugos berühmten Romanklassiker. Aber Ladj Lys Spielfilmdebüt „Die Wütenden – Les Misérables“ ist keine Verfilmung der „Elenden“, zumindest nicht im Sinne der meisten Literaturadaptionen. Der in Mali geborene und in einer Pariser Banlieue aufgewachsene Filmemacher nutzt Hugos komplexe Erzählung als eine Art Blaupause für sein düsteres Porträt des heutigen Lebens in den Wohnblöcken und -Silos von Montfermeil. In diesem etwa 20 Kilometer von Paris entfernt liegenden Vorort spielte schon ein Teil von Hugos Roman. Aus dem kleinen dörflichen Ort ist in den vergangenen 200 Jahren zwar eine dicht besiedelte Trabantenstadt geworden. Aber die dortigen Lebensverhältnisse haben sich kaum verändert. Sie werden immer noch von Armut und Gewalt geprägt.

Stéphane Ruiz spielt einen Polizisten, der aus der Provinz in die Hauptstadt kommt

Es ist der erste Tag für Stéphane Ruiz (Damien Bonnard) bei der Sondereinheit der Pariser Polizei, die für Ruhe und Ordnung in Vierteln wie Montfermeil sorgen soll. Zusammen mit Chris (Alexis Manenti) und Gwada (Djebril Zonga) fährt er durch die Straßen des Viertels und wird Zeuge, wie seine beiden erfahrenen Kollegen immer wieder Grenzen überschreiten. Vor allem Chris, der Leiter dieses kleinen Teams, erweist sich als ein von Ressentiments und kaum verhohlener Verachtung getriebener Mann, der versucht, mit eiserner Hand die Kontrolle zu bewahren. Aber das ist in der explosiven Gemengelage praktisch unmöglich.

Zwischen den korrupten lokalen Politikern, den Salafisten, deren Einfluss in Montfermeil stetig wächst, den Drogendealern und den überforderten Polizisten kommt es immer wieder zu Konflikten und Konfrontationen. Die Frontlinien sind unübersichtlich, und ein Fremder wie Stéphane, der zuvor bei der Polizei in der Provinz war, kann hier letztlich nur scheitern. Anders als Chris und Gwada hat er noch Überzeugungen und Ideale. Doch die muss er schnell aufgeben, als es bei einer Verhaftung zu einem gewaltsamen Zwischenfall kommt, der von einer Kameradrohne mitgefilmt wird. Fortan geht es für die Polizisten nur noch darum, ihre Haut zu retten, während alle anderen Parteien politisches Kapital aus dem Video schlagen wollen.

Ladj Ly kennt die Verhältnisse in Montfermeil aus eigener Erfahrung

Ladj Ly kennt die Verhältnisse in Montfermeil aus eigener Erfahrung sehr genau. Er selbst hat vor mehr als zehn Jahren einen brutalen Übergriff von Seiten der Polizei gefilmt. Diese extreme Nähe zwischen Fiktion und Wirklichkeit erfüllt jeden Moment des Films. Ly und sein Kameramann Julien Poupard bleiben abgesehen von den Drohnenaufnahmen immer ganz nah an den Figuren dran. Wie für Stéphane ist es auch für das Kinopublikum praktisch unmöglich, die Übersicht zu behalten. Der Strom der Ereignisse reißt einen mit. So vermittelt Ly einem auf überaus eindrückliche Weise, wie die Verhältnisse in dem Ghetto die Menschen und ihre Handlungen prägen.

Dabei ergreift der Filmemacher nie Partei. Er zeigt seine Protagonisten, wie sie sind mit all ihren Schwächen. Jede Entscheidung hat ihre Konsequenzen, und es steht außer Frage, dass in einem Umfeld wie Montfermeil alle immer wieder schnell falsche Entscheidungen treffen, selbst wenn sie glauben, gute Gründe zu haben.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben