SCHAUSPIEL

Kühn, aber packend – „Antigone“ am Theater Oberhausen

Antigone trägt ihre Trauer als Hochmut. Christian Bayer ist eine große Besetzung für diese als Familien-Verhängnis gedeutete Tragödie.

Antigone trägt ihre Trauer als Hochmut. Christian Bayer ist eine große Besetzung für diese als Familien-Verhängnis gedeutete Tragödie.

Foto: Isabel Machado Rios

Oberhausen.   Der Schrecken, die Gegenwart: Bei der kühnen „Antigone“-Inszenierung von Oberhausens neuer Hausregisseurin Babett Grube springt der Funke über.

Es wäre einfach, über diese „Antigone“ von Babett Grube herzufallen, aufzustöhnen: wie peinlich. Die Zuschauer im Theater Oberhausen sollen sich an den Händen halten, sollen mit Handys solidarische Lichtlein entzünden, sich einreihen in einen Sirtaki, einen Trauerzug begleiten, der sich durch die Sitzreihen schlängelt. Aber so peinlich war’s gar nicht.

Die Inszenierung der neuen Hausregisseurin konnte tatsächlich berühren. Nach den Eingangs-Deklamationen – die jungen Schauspieler lichterbekränzt inmitten des großen Hauses – hätte man meinen können: Ach ja, das wird Antigone im Arabischen Frühling. Zitate aus journalistischen Texten vom Tahrir-, Taksim- und Syntagma-Platz prasselten in atemlosem Vortrag. Und dann spielten die jungen Heroen – zwischen Fausts Zauberküche und den Was-Ihr-Volt-Experimenten des „Flatliners“-Films – auch noch Dr. Frankenstein und schufen ein stammelndes Wesen.

Christian Bayer als große Besetzung

Christian Bayer als blonde Antigone war eine große Besetzung – vor allem dank seiner großen Stimme, die er überaus nuanciert einsetzt. Seine Beschreibung der Bruder-Schlacht um Theben durchdringt das Grauen des gegenwärtigen Schlachtens in Syrien und Irak, wenn Antigone auf die verbrannte Haut der Sterbenden blicken lässt.

Auf den halbrunden Stufen der Zuschauerplätze auf der Bühne – dahinter aufragend zwei weiße Säulen – sucht die Rebellin, gegen das Bestattungsverbot des Königs, Mitleidsvolle, die mit ihr um den Bruder trauern: „Ich kann ihn doch so nicht liegen lassen.“

Grotesker Überforderungs-Sirtaki

Die Inszenierung greift zurück auf die Vorgeschichte, lässt auch die Eltern Iokaste und Ödipus (zugleich Antigones Halbbruder) auftreten: Die Mutter (Susanne Burkhard) als passgenau-peinliche Gesprächstherapeutin; den geblendeten Vater (Torsten Bauer) als hilflos Torkelnden. Wie Antigone zwischen den Eltern und ihrer Schwester Ismene (Burak Hoffmann) hin und her hetzt, um hier zu trösten, dort den Stürzenden aufzufangen – das steigert sich zu einem grotesken Überforderungs-Sirtaki.

Kleinbürgerlich sind die Glücksversprechen des Königssohns Haimon (Emilia Reichenbach), die Antigone der Welt zurückgeben sollen: mit dem Billigflieger an einen Sonnenstrand. Und Kreon, der Tyrann, der so viele Deutungen dieser Tragödie ins politische Gleichnis (ver)führte? Banafshe Hormazdi gibt ihn als kühle Politikerin, verliert über Antigone kein böses Wort, will sie vielmehr umarmen. Sie ist also Sophokles’ personifizierte „Arroganz der Macht“ nur insofern, als sich diese Macht geschmeidig-elegant kostümiert.

An einer Lichterkette erhängt

Der Hybris-Vorwurf gilt hier eher der Heldin. Als Antigone sich an einer Lichterkette erhängt, möchte man ihr zurufen: Du machst dich nur wichtig. Kreons Schluss-Satz sagt genau das – in einer Wendung reinsten Zynismus’.

Nächste Aufführungen: 11., 20., 21. und 29.10., 0208-8578184

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