Literatur

Krimi „Berlin Prepper“: Von Raviolidosen und Sturmgewehren

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Foto: dpa Picture-Alliance / Henning Kaiser / picture alliance / dpa

Autor Johannes Groschupf gelingt mit „Berlin Prepper“ ein irritierender, gar verstörender Krimi aus der Prepper-Szene – mit dramatischem Ende.

Was ein Prepper ist? Keine Ahnung, hätte ich noch letzte Woche gesagt. Und Sie? Inzwischen weiß ich: Das Wort kommt vom englischen „to prepare“, also sich oder etwas vorbereiten. „Prepper“ sind Menschen, die sich auf das Schlimmste vorbereiten: den Untergang, global oder regional, die Apokalypse, wie man in den guten alten Zeiten sagte. Sie ist ganz unvermeidlich, ob als Naturkatastrophe, als Krieg, als Aufstand der Massen oder als Angriff aus der Galaxis. Aber man kann auch das finale Desaster überleben, vielleicht in einem Erdloch in Brandenburgs Wäldern (denn natürlich wird Berlin zerstört sein).

Die deutsche Prepper-Szene ist vielgestaltig, da gibt es Naturfreaks, Paranoiker, Verschwörungstheoretiker aber auch rechtsextreme Gruppen wie die „Reichsbürger“. Die einen bunkern Raviolidosen, die anderen bauen Kellerbunker und wieder andere bereiten mit Sturmgewehren den Umsturz des verhassten „Systems“ vor.

All dies erleben wir mit dem melancholischen Helden des kurzen und düsteren Krimis, der eben jetzt den Sprung auf die Nummer 1 der Bestenliste geschafft hat. Noack ist vierzig, lebt allein und von Gelegenheitsjobs, hält sich als Ausdauerschwimmer in Spree und Landwehrkanal fit und bereit für „die Stunde“, ein friedlicher Gefühlsprepper mit enormen Raviolireserven.

Die Hassmails wirken nach

Allnächtlich muss er im Newsroom der Hauptstadtzeitung, im berühmten Hochhaus nahe der früheren Mauergrenze, die Tausende von „Hassmails“, üblen Beschimpfungen und Drohungen zu löschen („delete, delete, delete“), die gegen das „System“, die Politiker beiderlei Geschlechts (Lieblingsziel: „die Merkel“), aber auch die „Lügenpresse“ hetzen und geifern (eine hübsche Ironie für ein Blatt, das zweifellos im Axel-Springer-Hochhaus residiert!). Offiziell heißt er „content editor“, fühlt sich selbst als „Klomann im Reich des digitalen Volkszorns“.

Und ganz langsam, dann schneller träufelt das Gift des Hasses, der Menschenverachtung und der Gewalt auch in sein Inneres. Auf dem Heimweg vom Nachtdienst wird er hinterrücks krankenhausreif geschlagen, wenig später trifft ein Überfall seine junge Kollegin, und schließlich muss er am gleichen Ort die Leiche seines jungen Sohnes identifizieren, der da auf eigene Faust Detektiv gespielt hat.

Wer sind die Täter? Die Migranten aus dem nahen Containerdorf? Der Verdacht erzeugt weitere Gewalt. Tatsächlich hat aber der Sicherheitschefs des Verlags die Überfälle befohlen, um seine Erfolgsquote zu heben und die eigene Kündigung zu vermeiden. Noack bunkert keine Ravioli mehr, sondern versorgt sich im illegalen Waffenhandel und gerät in die Reichsbürgerformation die schon mal vor dem Kanzleramt demonstriert.

Gewalttätige Massen stürmen Berlin

Im heißen Sommer aber brennt Berlin (defekte „Polenböller“ von letztem Silvester!), gewalttätige Massen stürmen ins Zentrum und ins Pressehaus. Im Chaos trifft Noack den Sicherheitschef (immer noch im Amt), das wird nur einer überleben …

Der Krimi kann alles, heißt es. Hier zoomt er ein gern verdrängtes Problem heran. Der Autor Johannes Groschupf, der von der Reportage und der Jugendliteratur kommt, findet für seine Hauptfigur eine Erzählsprache, die ihn weder unsympathisch noch lächerlich macht, sondern Leserinnen und Leser nachdenklich, verunsichert, vielleicht sogar verstört zurücklässt – eine bemerkenswerte Leistung, auch wenn es Krimis gibt, die wir mit mehr Vergnügen gelesen haben.

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