Theater

„Kirschgarten“: Dortmunds Schauspiel überdreht Tschechow zur Freak-Show

Finale des Dortmunder „Kirchgarten“. Unser Bild zeigt das Ensemble.

Finale des Dortmunder „Kirchgarten“. Unser Bild zeigt das Ensemble.

Foto: Birgit Hupfeld

Dortmund.   Zu laut, zu hart, zu modelastig: Regisseur Sascha Hawemann zeigt an Dortmunds Theater für „Der Kirschgarten“ keine glückliche Hand.

Im Bestiarium dramatischer Literatur sind die Wesen Anton Tschechows wohl die zartesten Geschöpfe. Eine falsche Berührung – und ihr Zauber ward nicht mehr gesehen. Auf Druck reagieren sie besonders empfindsam: Sie zerfallen ins Nichtige. Was ein Monolith wie Shakespeare dagegen alles auszuhalten vermag...

Nun, Dortmunds Schauspiel, dem Thomas Bernhards „Theatermacher“ zur Jahreswende so krank wurde, dass alles Premierenaugenmerk auf Tschechow im Studio unterm Theaterdach lag, hat bei „Der Kirschgarten“ etwas fest zugelangt. Anfangs, da Sascha Hawemann die russische Feudal-Gesellschaft wie eine Gauklertruppe Fellinis – schnaubstampfend sind sie ihre eigene Lok – eintrudeln lässt, hat man noch Hoffnung. Spiel im Spiel, Studie abgehalftert Unreifer könnte sein und werden, wovon Tschechow so feingliedrig erzählt.

Sascha Hawemann überzieht die Typen gnadenlos. Die Schauspieler haben es in diesem „Kirschgarten“ schwer

Ljubow Andrejewna Ranjewskaja, Gutsbesitzerin und eine Frau am finanziellen Abgrund, kehrt ein letztes Mal aufs Gut ihrer Väter zurück. Die Visite gerät zum Endspiel. Es blühen hier nicht mehr Bäume, es rascheln nur Schuldscheine. Mit nötigen Rubeln winkt ausgerechnet ein Ableger der Leibeigenen: Es ist Lopachin, Fleisch gewordener Widerpart einer Elite, deren Tage gekommen sind.

Nirgends steht, allein der übliche Trauerrand erwecke Tschechows Komödie gültig zum Leben. Als Freak-Show freilich, zu deren Mitteln Hawemanns Regie die Puppen an diesem gut zweieinhalb Stunden langen Abend mehr und mehr tanzen lässt, verliert sie fast alles, was ihre weltliterarische Größe ausmacht: Charme, Geheimnis, Seelenkunde.

Das verlockend Nahbare des Abends schenkt uns Wolf Gutjahrs Bühnenbild. Es verkehrt in zirzensischer Lust die alte Verabredung von der Theaterrampe als vierte Wand in ihr plastisches Gegenteil. Firs, Ranjewskajas greiser Diener, hat gleich drei Vorhänge zum keinen Meter weit von der Spielfläche platzierten Publikum aufzuziehen. Fast jeder sitzt so in Dortmund in der ersten Reihe. Nah dran könnte man also sein.

Aus dem Ensemble ragt Bettina Lieder heraus: eine Menschenbildnerin in der Zombie-Parade

Stärken entfaltet der Abend, wenn Hawemanns in seinem Drang pausiert, Tschechows zarte Satire auf eine sich überlebt habende Kaste ins Zombie-Fass zu tauchen. Da, wo es still wird, da. Da, wo Bettina Lieder als Pflegetochter der grausam-gütig-wankelmütigen Ranjewskaja, tatsächlich ein Menschenbildnis formt. Lieder spielt Warjas Weiterleben in Desillusion so überragend, so entrückt elementar, so rührend pur, dass man für mehr von dieser Güte viel (ab-)geben würde von jener den Abend regierenden theatermodischen Behäbigkeit, die – ach, wie fad – in der wohlfeilen Einfallslosigkeit einer Techno-Party gipfelt.

Um eine finale Pointe gebracht: Tschechows Coup des vergessenen Dieners verdreht Hawemanns Regie

Von Bettina Lieder abgesehen hat das Ensemble durchaus Mühe. Die Traumrolle der schon längst nicht mehr von dieser Welt seienden Ranjewskaja wird bei Friederike Tiefenbacher ein allzu laut tönender Schwanengesang vom Boulevard der Dämmerung. Frank Gensers Lopachin erspürt von der reizvollen Partie des liquiden Emporkömmlings kaum mehr als oberflächengereizte Leutseligkeit.

Und mit Firs’ (Uwe Schmieder) letztem Auftritt bringt Hawemann den „Kirschgarten“ auch noch um eine grandiose Theaterpointe Tschechows. Im Stück glauben alle, der Lakai sei im Spital. Dabei haben sie ihn wie eine alte Kommode im Haus vergessen. In Dortmund sieht man Firs im Finale pausenlos: Er wirft Konfettischnee. Kalt lässt einen der Abend auch ohne das.

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