Musik

Keith Jarretts neues Album „Budapest Concert“

Keith Jarrett bei einem Auftritt in der Carnegie Hall im Jahr 2015.

Keith Jarrett bei einem Auftritt in der Carnegie Hall im Jahr 2015.

Foto: Hiroyuki Ito / Getty Images

Keith Jarrett (75) wird nach zwei Schlaganfällen wohl nie wieder auftreten können. Umso berauschender das „Budapest Concert“ von 2016.

Keith Jarrett ist der vielseitigste Pianist unserer Zeit. Er hat mit seinen Solo-Exkursen eine neue Kategorie improvisierter Musik begründet. Die zumeist nach den Aufführungsorten benannten Aufnahmen dokumentieren die Alleingänge eines einzigartigen Künstlers. „The Köln Concert“ aus dem Jahr 1975 wurde um die vier Millionen Mal verkauft und ist die erfolgreichste Jazz-Soloplatte überhaupt.

Doch Keith Jarrett, der auch Flöte, Sopransaxofon und Schlagzeug spielt, hat darüber hinaus im Trio- und Quartettformat Jazzgeschichte geschrieben und ist ein anerkannter Interpret klassischer Musik. Am 21. Oktober wurde in der New York Times die Nachricht veröffentlicht, nach zwei Schlaganfällen werde der Musiker wohl nie wieder öffentlich auftreten können. Das Konzert in der New Yorker Carnegie Hall am 15. Februar 2017 wird wohl sein letztes bleiben. Dem amerikanischen Jazzpublizisten und Journalisten Nate Chinen war es gelungen, den als schweigsam und introvertiert geltenden, mittlerweile 75-jährigen Keith Jarrett in dessen Haus in New Jersey ans Telefon zu bekommen. Es war Zeit zu reden. Über zwei Jahre hatte es weder Auftritte noch Wortmeldungen Jarretts gegeben. Von gesundheitlichen Problemen ging die Rede. Nun ist bekannt, dass Jarrett nach den beiden Schlaganfällen im Februar und im Mai 2018 immer noch teilweise gelähmt ist. Bis zum Mai diesen Jahres war er in einer Pflegeeinrichtung.

„Das Höchste, was ich von meiner linken Hand erwarte? Eine Tasse halten zu können.“

Als er unlängst in seinem Studio daheim vertraute Bebop-Stücke spielen wollte, musste er feststellen, sie vergessen zu haben. „Ich weiß nicht, wie meine Zukunft sein wird. Wie ein Pianist aber fühle ich mich nicht im Moment …“, sagte er dem Journalisten, „das Höchste, was ich von meiner linken Hand erwarte, ist es, wieder eine Tasse halten zu können.“

Das nun auf einer Doppel-CD veröffentlichte „Budapest Concert“ vom 3. Juli 2016 aus der Béla Bartók Konzerthalle zeigt ihn auf der Höhe seiner Kunst. Jarrett selbst bezeichnete es als seinen augenblicklichen „goldenen Standard“. Er wirkt hoch motiviert, was auch mit der österreich-ungarischen Herkunft der Eltern seiner Mutter zusammenhängen mag. Der Auftritt reiht sich ein in die Spätphase des Solisten, als dieser seine Recitals nicht mehr in großen Bögen aus einem Stück wachsen ließ, sondern sie in einzelne, von Beifall unterbrochene Teile gliederte.

Was Jarrett spielt, wird seins: immer wieder lud er sein Publikum zu Zeugenschaft ein

Zwölf sind es im Budapester Fall. Doch welch weite Spannweite jenseits simpler Genrezuordnungen durchschreiten sie. In der Zusammenschau ergeben sie eine bezwingende Suite, in der die einzelnen Elemente von Jarretts Kunst klarer ihre Leuchtkraft entwickeln. Immer wieder sind da klassisch anmutende Träumereien von betörender Fragilität, neckische Hinweise auf populäre Formen wie Stride und Blues und intensive Aufbrüche in freie Formen. Im separierten Stückcharakter des vollständigen Konzerts sind sie deutlicher voneinander abgegrenzt. Es ist, als wäre sich Jarrett im neuen Jahrtausend seiner improvisatorischen Fähigkeiten noch bewusster, als könne er überlegener mit ihnen haushalten, indem er sie präziser auf den Punkt bringt.

Aber was heißt das schon, wenn einer derart sein Füllhorn ausschüttet in scheinbar unbegrenztem Einfallsreichtum? Was Jarrett spielt, wird seins, und immer wieder lud er sein Publikum zu unmittelbarer Zeugenschaft ein. Ein Bewusstseinsstrom ist das, wobei dieser einzigartige Pianomagier auf ausgewalzte Versatzstücke verzichtet, weil er derlei Beschränkungen seiner freien Gedankenflüge aus Prinzip ausschließt.

Man wird diesen einmaligen Interpreten fortan auf den Konzertbühnen vermissen

Natürlich hat ihn auch in Budapest das Publikum auf die Bühne zurückgejubelt. Was er dann wie schon im 2019 veröffentlichten, 14 Tage später entstandenen Münchner Konzert wieder und wieder ganz anders aus dem durch Frank Sinatra bekannten Gassenhauer „It’s A Lonesome Old Town“ macht, ist schlicht sensationell. Es zielt direkt in die Seele, wie er da sparsam und emotional die Töne aus dem Instrument streichelt. Auch wenn er dann bei „Answer Me, My Love“ eine eingängig rhapsodische Melodie entfaltet und umschmeichelt, ist das fern aller Banalität und ein Lehrstück für dieses Weniger-ist-mehr, das Jarrett eben auch beherrscht. Melancholie, die direkt ins Herz geht, hört man und ist umso mehr gerührt, wenn man das mit dem Wissen tut, diesen einmaligen Interpreten fortan auf den Konzertbühnen zu vermissen.

CD: Keith Jarrett: Budapest Concert. ECM 2700/01 0730194/Universal. Spieldauer: 37:26/54:46

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